Knallbunt und in extrovertiertem Animationsstil, der unterschiedlichste Ästhetiken vermischt, präsentiert sich der neueste Animationsfilm aus dem Hause Dreamworks. In der knalligen Inszenierung verliert sich die relevante Botschaft des Werkes zunehmend.

„Forgotten Island“ ist im Kern eine Erzählung über zwei philippinische Mädchen, die seit ihrer Kindheit Freundinnen sind. Das vertraute Leben von Jo (H.E.R.) und Raissa (Liza Soberano) sieht sich mit der Bedrohung konfrontiert, dass eine von ihnen für das Studium in die USA gehen wird. Ihre lebensprägende Freundschaft wird in der Folge auf eine harte Probe gestellt. Seit ihrer Kindheit suchen die beiden nach Nakali, einem phantastischem Ort aus den Erzählungen von Jos Großmutter Lola (Dolly De Leon). Als Raissa und Jos Freundschaft kurz davor ist zu zerbrechen, finden sie tatsächlich den Weg nach Nakali. Um in die „echte“ Welt zurückkehren zu können, müssen sie einen hohen Preis bezahlen: Die Erinnerung an ihre Freundschaft.

Figuren und Inszenierung

Die Protagonistinnen werden durch die Inszenierung als stereotypische Außenseiterinnen direkt in eine Schublade gesteckt, die zu keinem Zeitpunkt verlassen wird. Da gibt es die hochintelligente Überfliegerin Raissa, die keine Sozialkontakte findet. Die zweite Hauptfigur Jo hingegen ist impulsiv und abenteuerlustig, übertreibt bei vielem und ist eher dümmlich angelegt. Allein diese klischeehafte Figurenzeichnung reicht aus, um das Gezeigte kritisch zu hinterfragen.

Die Botschaft des Werkes scheint zu sein, dass Freundschaft eine der stärksten Mächte ist, die existieren. Dabei verliert sich der Film in vielen unnötigen Spektakeln und Überzeichnungen der Haupt- und Nebenfiguren. Letztere verlassen zum Teil nicht das charakterliche Niveau ihrer Namen. Beispielsweise ein Werhund mit Namen Raww sagt viel über die charakterliche Tiefe aus, die hier zu erwarten ist. Dass durch die konsequente Anwendung von Klischees gelegentlich witzige Momente entstehen, lenkt nicht von dem Gefühl der Fremdscham ab, das mit der Inszenierung der Hauptfiguren einhergeht. Ihre einzigen gemeinsamen Bezugspunkte als Erwachsene bestehen in den Momenten, in denen sie gemeinsam rappen.

Jo und Raissa landen in Nakali (c) DreamWorks Animation

Die ästhetische Inszenierung wechselt konsequent von üblicher Computeranimation hin zu extremen Überzeichnungen, die an die Inszenierung japanischer oder koreanischer Anime erinnern. Das Werk scheint ästhetisch stark geprägt vom diesjährigen Oscargewinnerfilm „K-Pop Demon Hunters“, der mit seiner wilden, bunten und vollkommen überzogenen Inszenierung einen ungewöhnlichen Animationsstil präsentierte. Der essenzielle Unterschied zwischen „Forgotten Island“ und „K-Pop Demon Hunters“ besteht darin, dass letzterer einen kohärenten Inszenierungsstil gewählt hat. „Forgotten Island“ versucht immer wieder noch krasser zu ästhetisieren, wechselt bis zuletzt immer wieder die ästhetische Form und ist dadurch ein scheinbar unkontrollierter Bilderrausch, der jedoch immer wieder dramaturgisch motiviert erscheint. Diese Form der Inszenierung unterstützt die Geschichte, denn auch die Protagonistinnen verlieren sich zunehmend in einem Strudel von Orientierungslosigkeit.

Der dramatische Höhepunkt liegt überraschenderweise etwa 20 Minuten vor der Konfrontation mit der offensichtlichen Antagonistin. Allerdings ist dieser Moment – in dem die Freundschaft der beiden Hauptfiguren wiederhergestellt wird – derart pathetisch, dass es schwierig ist, nicht in dem offensichtlichen Tear-Jerking unterzugehen. Dadurch ist dieser Moment im Film nicht der stärkste. Vielmehr ist es ein inszenatorisch-dramaturgischer Tiefpunkt, der andeutet, was hätte sein können. Ab diesem Punkt entwickelt sich „Forgotten Island“ sehenswert. Das erwartet furiose Finale überrascht durch Figurenzeichnung und eine deutliche Fokussierung auf die eigentlich Botschaft des Films: Freundschaft überdauert Trennungen, Hindernisse und Konflikte.

Retro-Feeling durch Referenzen und Klischees

In „Forgotten Island“ wird versucht, ein jüngeres Publikum anzusprechen. Gleichzeitig ist die Filmhandlung zwischen Ende der Neunziger und den Zweitausender Jahren angesiedelt, was dem Werk einen Hauch von „retro“-Gefühl verleiht. Dabei stellt sich die Frage, ob der Film versucht, einen weiteren Markt zu erschließen oder die aktuelle Begeisterung für ältere Medienformen aufzugreifen, die aktuell besonders bei jüngeren Menschen zu finden ist. Vinyl und Musik-Cassette (MC) werden in der Inszenierung emotional aufgeladen. Die Essenz jener emotionalen Aufladung nimmt in der Auflösung des Konflikts eine zentrale Rolle ein.

Der Soundtrack des Films ist geprägt von der Pop-Musik der Zeit, in der die Geschichte angelegt wurde. Der Score ist hingegen eines der Highlights des Films, wenngleich dieser dazu beiträgt, dass die Schlüsselsequenz des Films in Pathos ertrinkt. Über allem steht allerdings der Journey-Song „Don’t Stop Believing“, der sich zuletzt auch einer jüngeren Generation als „Retro-Hymne“ erschlossen hat. Somit wird hier überwiegend Popkultur auf Popkultur gestapelt, um daraus einen übertriebenen Mix zu erstellen.

Jo und Raissa gerahmt von ihren Freundschaftserinnerungen (c) DreamWorks Animation

Fazit

„Forgotten Island“ hätte das Potenzial zu einem exzellenten Animationsfilm. Obwohl die Geschichte nicht neu ist und an andere Werke erinnert – schließlich wurden Geschichten über Freundschaft schon tausende Male erzählt – wäre dieser Beitrag im zeitgenössischen Kino eine Bereicherung. Wäre, denn hier wurden im Grunde Versatzstücke aus Pop-Kultur, Stereotypen, Klischees und Pathos so vermengt, dass auch ein starkes Finale nicht über die offensichtlichen Schwächen und Lücken in der Inszenierung hinwegtäuschen kann. Als überfrachtetes Popcorn-Kino mag „Forgotten Island“ sich ein Publikum schaffen. Was heute möglicherweise als „cooler“ Rückblick auf die Zeit der Millennials erscheinen mag, entpuppt sich jedoch als eine klischeeüberladene Verklärung einer Zeit, die auch geprägt wurde von internationalem Terrorismus und Kriegen. (th)

Trailer zu „Forgotten Island“

Filminformationen

„Die vergessene Insel“ (Deutscher Titel)

„Forgotten Island“ (Internationaler Titel)

„Forgotten Island“ (Originaltitel)

Regie: Joel Crawford, Januel P. Mercado

Drehbuch: Joel Crawford, Januel P. Mercado

Besetzung: H.E.R., Liza Soberano, Dave Franco

Japan | USA 2026

Produktion: Dentsu

Verleih: DreamWorks Animation

Laufzeit: 109 Minuten

Veröffentlichung: Kinostart am 08.10.2026

Sprachfassung: Englisch und Tagalong mit deutschen Untertiteln.

Bildquellen: © DreamWorks Animation

Gesichtet Filmfest Hamburg 2026, Deutschland-Premiere.

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