„Beule – Zerlegt die Welt“ von und mit Janek Rieke
Janek Riekes Film „Beule – Zerlegt die Welt“ (D 2022/2025, 79 Min.) ist ein ungewöhnlicher Film. Er scheint, wenn man ihn trotz allen Unernstes einer Komödie Ernst nimmt, nicht so harmlos zu sein, wie man meinen mag. Allgemein gesprochen handelt er von einer Suche nach Sicherheit, die es heute nicht mehr gibt. Liebesgeschichte und agressive Komik wechseln miteinander ab in dieser schwarze Komödie mit harten Widersprüchen und drastischen Spitzen. Gewalt, Slapstick und Übertreibung haben ihren Platz. Kein Wunder, dass der Film sich schwer getan hat, eine Produktionsfirma zu finden, geschweige denn eine Filmförderung zu bekommen. Auch der lange Zeitraum zwischen Filmpremiere (Filmfest Hamburg 2022) und Kinostart (Herbst 2025) ist ein Fingerzeig, dass der Film es nicht leicht gehabt hat.
Auf der anderen Seite ist der Film kein schlechter. Er beweist schon eine Menge Humor und Witz, ist durchaus unterhaltsam und spiegelt mit einer geradezu anarchischen Wut die Neurosen unserer Zeit.
Die Hauptperson Olli (gespielt von Janek Rieke) ist im Grunde genommen ein sympathischer „Knuddelbär“, dessen sanftes Wesen aber nicht selten von mangelnder Impulskontrolle durchbraust wird. Durch Zerhacken von Zigattenautomaten und Abfalltonen gelingt es ihm dann, sich Luft zu verschaffen. Ollis Partnerin Anja (Julia Hartmann) steuert im Laufe der Geschichte auch ihren aggressiven Anteil an der langsam aber unweigerlich heraufziehenden Katastrophe bei.
Das Unheil nimmt seinen Lauf, als Olli Anjas dringlichem Kinderwunsch nach ernsten Bedenken schließlich nachgibt und die schwangere Anja ihre hormonbedingte Aggressivität heftig auslebt. Olli sucht Trost bei Mia (Nilam Farooq). Auch Anja hat einen Seitensprung – mit Ollis Bruder Richard (Max Giermann) – zu verheimlichen. Es entwickelt sich ein heftiges Drama, bei dem auch noch Ollis Freunde mit dem leicht reizbaren und äußerst gewaltätigen Kalle (Gerdi Zint) mitmischen. Ollis Bruder Richard tut ein Übriges, „um die Suppe am Kochen zu halten“.
Die Schockwirkung einiger Szenen, deren Härte Regisseur Rieke nur gering abmildert, ist unbestritten. Die von Olli nicht nur gegen Zigarettenautomaten geschwungene Axt bleibt als Symbol einer gewaltsamen Konfiktlösung am Ende haften.
Die norddeutschen Filmemacher Janek Rieke (hier: Regie, Buch, Darsteller und Produzent) und Lars Büchel (Produzent) konnten schon in den 1990er Jahren mit ihrem komödiantischen Talent für sich einnehmen. Sie studierten Film, Rieke bei Hark Bohm in Hamburg, Lars Büchel bei Dominik Graf in Köln. Während zur gleichen Zeit der filmische Nachwuchs in Schleswig-Holstein unter dem Begriff „Jungfilmer“ noch eher belächelt und nur in begrenztem Maße für voll genommen wurde. Als No-Budget-Filmer versuchten sie, sich auf einer begrenzten Spielwiese zwischen Super-8 und 16mm-Film zu behaupten. Enthusiastischer Anspruch und amateurnahe Wirklichkeit bestimmten oft die reale Filmerexistenz in Schleswig-Holstein. Zu Filmern wie Rieke oder Büchel, die sich auch der Technik und des Know-Hows der Filmwerkstatt der Kulturellen Filmförderung SH unter Bernd-Günther Nahm in Kiel bedienten, konnte man nur aufschauen. Beide begannen ihre Filmkarrieren mit Komödien.
Rieke mit dem Film „Härtetest“, über den z.B. der Film-Dienst folgenermaßen urteilte: „Eine mit Witz und viel Gespür für Pointen und Timing entwickelte Initiationskomödie um den Gegensatz von falsch verstandenem Mut und echter Zivilcourage, unverkrampft inszeniert und erfrischend unbekümmert gespielt.“ (Filmdienst 07/1998) Er bekam zwei Nominierungen für den Deutschen Filmpreis.
Büchels „4 Geschichten über 5 Tote“ erzählt in vier eigenständigen Episoden von vier merkwürdigen Beerdigungsfeiern, die in praller Komik, aber auch in leiser Trauer die allzumenschlichen Schwächen der Hinterbliebenen offenbaren. Mit bemerkenswerten Darstellern in originellen Charakteren wusste der Film, dessen einfallsreiche Geschichten eine erzählerische Bandbreite vom drastischen Kalauer bis zur poetischen Liebesgeschichte abdecken, für sich einzunehmen.
Büchels und Riekes Karrieren verliefen danach in sehr unterschiedlichen Bahnen. Büchel gründete in Hamburg die Poduktionsfirma „element e“, die neben einigen Spielfilmen von Büchel hauptsächlich Werbefilme produziert und jetzt eben „Beule – Zerlegt die Welt“. Rieke ist ein bis heute erfolgreicher und viel beschäftigter Schauspieler für Film und Fernsehen.
Zwei Filmemacher einer Generation mit unterschiedlichen Wegen, die nun der Film „Beule – Zerlegt die Welt“ zusammenführte.
Beide präsentieren den Film am Mittwoch, dem 20. Mai 2026, um 19 Uhr in der Filmreihe FilmFörde im KulturForum in der Stadtgalerie Kiel (Andreas-Gayck-Str. 31, 24103 Kiel). (Helmut Schulzeck)
