Anlässlich des 100. Geburtstags von Siegfried Lenz widmet der Schleswig-Holsteinische Landtag dem bedeutenden Autor eine besondere Ausstellung: „Mein erlebtes und erzähltes Schleswig-Holstein“, die am 25. März 2026 eröffnet wurde und noch bis zum 10. Mai im Landeshaus zu sehen ist. Die Schau verbindet literarisches Erbe mit zeitgenössischer Comic-Kunst und eröffnet damit einen neuen, visuellen Zugang zu Leben und Werk des Schriftstellers. Parallel dazu erscheint mit der 34. Ausgabe des Kieler Comic-Magazins Pure Fruit ein begleitendes, wie gewohnt kostenloses Comic-Heft, das die Inhalte der Ausstellung künstlerisch weiterführt und vertieft.

Die Ausstellung stellt die enge Verbindung von Siegfried Lenz mit Schleswig-Holstein in den Mittelpunkt. Ein legitimes Ansinnen, wie der Vorsitzende der Siegfried Lenz Stiftung, Günther Berg, bei den Eröffnungsansprachen betonte. Lenz’ Werke seien „ohne das Meer, die Küste und die Menschen“ des Bundeslandes kaum denkbar, da viele seiner Geschichten genau dort ihre Schauplätze und Themen finden.

Sonderausstellung zum 100. Geburtstag Siegfried Lenz'

Sonderausstellung zum 100. Geburtstag Siegfried Lenz‘ im Landeshaus SH

 

Im Zentrum der Ausstellung steht daher die doppelte Perspektive von „erlebtem“ und „erzähltem“ Schleswig-Holstein: Einerseits werden biografische Stationen des Autors anhand von Dokumenten, Fotos und Objekten aus dem Nachlass sichtbar gemacht, andererseits wird seine literarische Welt künstlerisch interpretiert. Eine besondere Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit mit Comic-Künstlerinnen und -Künstlern aus Schleswig-Holstein. Unter der Leitung von Gregor Hinz und Tim Eckhorst sowie dem Comic-Kollektiv Pure Fruit entstehen gezeichnete Geschichten, die einen „kreativen und frischen Blick“ auf das Werk von Lenz eröffnen.

Im Gespräch zur Ausstellungseröffnung wurde ausführlich mit den Comic-Zeichnern Gregor Hinz und Tim Eckhorst über die Stärken des Mediums Comic sowie dessen Einsatz in der Vermittlung von Literatur – insbesondere für jüngere Zielgruppen – gesprochen.

Gregor Hinz hob hervor, dass Lernen und Verstehen besonders gut funktionieren, wenn möglichst viele Sinne angesprochen werden. Genau hier liege die Stärke des Comics: „Man lernt am allerbesten mit ganz vielen Sinnen.“ Comics kombinierten Bild und Text und böten damit bereits mehr als das reine Lesen. Im Vergleich zum Film hätten sie zudem einen entscheidenden Vorteil: Während Filme eine feste zeitliche Abfolge vorgeben, könnten Leserinnen und Leser bei Comics selbst bestimmen, wie schnell sie vor- oder zurückblättern. „Das ist das Coole im Comic. Man kann immer entscheiden, wann man vor und zurück blättert.“ Dadurch entstehe ein individueller Zugang zur Geschichte. Hinz zog daraus ein klares Fazit: „Wenn man Lust hat, Sachen zu vermitteln, zu erzählen, ist Comic einfach das ideale Mittel.“ Zugespitzt formulierte er sogar, dass – wäre die Produktion nicht so zeitaufwendig – „eigentlich alles in Comic-Form dargestellt werden“ könnte.

Gregor Hinz: „Alles kann in Comicform dargestellt werden“

Gregor Hinz: „Alles kann in Comic-Form dargestellt werden.“

 

Tim Eckhorst ging anschließend auf die Frage ein, wie Comics stärker in Schulen und bei jungen Menschen verankert werden können. Er stellte fest, dass Comics grundsätzlich bereits als geeignetes Medium wahrgenommen werden, um Jugendliche zu erreichen. Dennoch komme es stark auf die inhaltliche und gestalterische Umsetzung an: „Man muss immer ein bisschen gucken, was für ein Thema man hat und wie man das transportiert.“ Gerade bei einem literarischen Stoff wie Siegfried Lenz sei das nicht selbstverständlich, da dieser nicht unbedingt den aktuellen Interessen junger Zielgruppen entspreche. Dennoch könne die visuelle Kraft der Comics ein Einstieg sein: „Das Visuelle spricht sofort an“, wodurch man gegenüber klassischen Texten einen Vorteil habe.

Artwork von Tim Eckhorst zur Erzählung "Schweigeminute"

Artwork von Tim Eckhorst zur Erzählung „Schweigeminute“

 

Zugleich sprach Eckhorst ein praktisches Problem an: Während Kinder oft noch unbefangen zeichnen, wachse mit zunehmendem Alter die Hemmschwelle, selbst kreativ zu werden. Deshalb sei es wichtig, Möglichkeiten zu schaffen, diese Kreativität zu fördern und zu erhalten. Eckhorst und Hinz signalisierten dabei auch Offenheit, solche Prozesse aktiv zu unterstützen.

Insgesamt wurde in der Diskussion deutlich, dass Comics nicht nur ein künstlerisches Ausdrucksmittel sind, sondern auch ein wirkungsvolles Werkzeug zur Vermittlung von Literatur und komplexen Themen. Gerade durch die Verbindung von Bild und Text sowie die aktive Einbindung der Leserinnen und Leser bieten sie großes Potenzial, neue Zugänge – insbesondere für jüngere Generationen – zu schaffen.

Original-Exponate und Comic-Kunst vermitteln greifbare Biographie

Original-Exponate und Comic-Kunst vermitteln greifbare Biografie

 

In der Ausstellung „Mein erlebtes und erzähltes Schleswig-Holstein“ verbinden sich also klassische literarische mit visueller Erzählkunst sowie interaktiven Vermittlungsformen und machen die Themen des Autors auf neue Weise erfahrbar. Das begleitende Comic-Magazin Pure Fruit #34 knüpft direkt an dieses Konzept an. In dieser Ausgabe widmen sich wieder zahlreiche Zeichnerinnen und Zeichner dem Leben und Werk von Siegfried Lenz und übertragen zentrale Motive, Orte und Stimmungen seiner Literatur in die Sprache des Comics. Dadurch entsteht eine eigenständige künstlerische Auseinandersetzung, die über eine reine Illustration hinausgeht und neue Interpretationsräume eröffnet.

Das Magazin versteht sich grundsätzlich als experimentelles Format für grafisches Erzählen und erscheint regelmäßig mit wechselnden thematischen Schwerpunkten. Die Ausgaben #25 zu Johannes Brahms und #31 zu Klaus Groth hatten bereits Künstlerbiografien als Anlass, andere Ausgaben beschäftigen sich ebenfalls mit gezielter Wissensvermittlung. So z.B. Ausgabe #19 zur Arche Warder oder die #32 „Was geht im Landtag“. Die meisten Ausgaben feiern aber schlicht die Vielfalt der Comic-Community in Schleswig-Holstein.

Insgesamt zeigt das Zusammenspiel von Ausstellung und Magazin am Beispiel von „100 Jahre Siegfried Lenz – Mein erlebtes und erzähltes Schleswig-Holstein“, wie Literatur- und Kunstvermittlung heute aussehen kann: interdisziplinär, visuell und zugänglich. Die Verbindung von Archivmaterial, literarischer Analyse und Comic-Kunst ermöglicht es, sowohl das biografische als auch das erzählerische Universum von Siegfried Lenz neu zu entdecken – und insbesondere auch für ein jüngeres Publikum erfahrbar zu machen. (dakro)

 

Der Artikel basiert auf den Presseinformationen des Landtags SH zur Ausstellung und des Pure Fruit Magazins zur Ausgabe #34 sowie dem Eröffnungsgespräch am 25. März 2026 im Landeshaus. Das Audio-Transkript des Q&A wurde mit KI überarbeitet.
Artwork © Pure Fuit
Fotos © Daniel Krönke 
Titelbild: Cover-Artwork von Gregor Hinz und Tim Eckhorst, © Pure Fruit
 
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