Die Kieler Filmreihe „Film Förde“ im KulturForum der Stadtgalerie Kiel ist eine etablierte Größe in der Kieler Kino-Kultur-Landschaft. Kuratiert von Jörg Meyer und Helmut Schulzeck liefert die Reihe unter anderem Raum für politische Filme, Werke lokaler Filmemscher*innen oder übersehene Werke, die so auf einer Kieler Leinwand erstrahlen können. Zum 10. Jubiläum gibt es nun eine für diesen Anlass zusammengestellte Kurzfilm-Rolle, in der die beiden Kuratoren einen persönlichen Blick auf die Kieler Kurzfilm-Landschaft anbieten.

Die Jubiläums-Kurzfilmrolle umfasst 10 Kurzfilme, an denen entweder Helmut Schulzek oder Jörg Meyer (Künstlername: ögyr) beteiligt sind. Besonders interessant daran ist, wie viele weitere Persönlichkeiten aus der Kieler Filmlandschaft ebenfalls auftauchen. So finden sich Werke, bei denen Bernd Fiedler mitwirkt – jenem Kieler Filmemacher dem das Filmfest Schleswig-Holstein 2024 eine Retrospektive widmete. Zusätzlich kommen einige Bekannte aus der deutschen Filmlandschaft zu Wort, beispielsweise Otto Sander in einem Gespräch mit Helmut Schulzek. Eine weitere Besonderheit ist die Sichtbarmachung von Veränderungen und Wandel in der städtischen Architektur. Überwiegend wird dies durch zeitgenössische Aufnahmen aus Kiel deutlich, aber mehrere Beiträge führen auch nach Berlin. Beispielsweise in dem satirischen Beitrag „www.betreuteLoecher.de“ ist der zu Beginn des neuen Millenniums noch unbebaute Teil des Berliner Regierungsviertels ebenso Thema, wie die Umgestaltung des Kieler Hauptbahnhofs oder das Wattenmeer.

Das Programm

Thematisch lässt sich die Kurzfilm-Rolle grob in mehrere Blöcke einteilen. Es beginnt mit dem Abtragen des Kieler Brauerei-Viertels, findet einen Übergang in das Videopoetische, um anschließend einen Blick auf die aktuelle Jahreszeit im Wandel der Zeit zu wagen während im Finale übliche Konventionen abgelegt werden, um einerseits Satire und andererseits wagemutige poetische Beiträge zu präsentieren, bis hin zum abschließenden „zuckerfee(d)“, der – je nach Lesart – beides zu verbinden scheint.

Filmstill aus „abriss„. Copyright: ögyr

Die Beiträge im Einzelnen.

In „Ich und mein Schlot“ setzt sich ein noch junger Helmut Schulzek humoristisch mit der Sprengung eines Industrie-Schlots und den Folgen für die Herzog-Friedrich-Straße in Kiel auseinander. Besonders die Aufnahmen aus der Zeit und jene von der Sprengung des Schlots sollten als relevante historische Aufzeichnungen verstanden werden. Es folgt „Otto Sander, der Schlot und Helmut S.“, ein Gespräch zwischen Helmut Schulzek und Otto Sander über die Relevanz selbstdarstellerischer Filmschaffender im zeitgenössischen deutschen Dokumentarfilm. Mit „abriss“ folgt ein Highlight der Kurzfilmrolle. Das filmpoetische Essay von ögyr zeigt das Abtragen eines Industrieschlots mit einem Bohrhammer, unterlegt dieses allerdings mit wohlbedachten Worten und gerät in der Folge zu einer melancholisch anmutenden Schönheit. „roisland“ verbindet Nahaufnahmen und Momente weiblicher Emotionen in Alltagssituationen mit einem russischen Text und einigen wenigen Worten in deutscher Sprache. Zum Ende hin wird es mit der russischen Nationalhymne unterlegt – angesichts des aktuellen Zeitgeists eine mutige Wahl. Es folgt „Rhapsody in Snow“, bei dem Helmut Schulzek die von Bernd Fiedler eingefangenen Bilder zu einem ästhetischen Filmessay zusammenfügt, dass Facetten des Winters in Kiel zeigt, über den Verlauf mehrerer Jahre hinweg. „schneewehfernsehn“ befasst sich visuell mit dem Thema Schnee und Winter, unterlegt es jedoch mit einem poetischen Text, der über eine neue Art von Einsamkeit durch die Entwicklung von (Tele-)Kommunikations-Medien reflektiert. Ögyr schafft hier eine interessante Auseinandersetzung mit einem Thema, dass seit der Veröffentlichung des Essays 2010 noch an Relevanz gewonnen hat. Die Mockumentary „www.betreuteLoecher.de“ inszeniert Maria Debora Wolf auf der Suche nach noch unbenutzten Löchern in der Welt und Bernd Fiedler in der Rolle ihres Vaters, der das alles für wenig relevant hält. Helmut Schulzek erschafft hierbei eine Parodie jener Form von Dokumentarfilmen, die über jene Dinge berichten, anhand sogenannter Expert*innen, die es eben eigentlich gar nicht sind. Schulzek gelingt es nebenbei, einige historisch relevante Aufnahmen einzufangen, die mit dem Kommentar der „Lochforscherin“ versehen sind. Das Vieles, des Gesagten dabei bewusst fehlerhaft und auch fehlleitend ist, sollte sich im Grunde bereits durch das Thema erschließen. „Die Trägheit von Körpern, ist die Eigenschaft, in ihrem Zustand zu verharren, solange keine äußere Kraft auf sie einwirkt.“ Dieses Zitat entstammt dem ernsten poetischen Beitrag „trägheit.traum“ von ögyr. Ein Videoessay bestehend aus Aufnahmen, die jene Menschen zeigen, die davon träumen, selbst fliegen zu können. Es bietet die Gelegenheit sich in diesem Videogedicht zu verlieren, sich von den Bildern mitnehmen zu lassen, während man den poetischen Worten ögyrs folgt, die das Trägheitsgesetz und den menschlichen Wunsch nach einer Erstürmung des Himmels thematisieren. „Wo ist Erkan Deriduk“ folgt Holger Schabel auf der Suche nach dem Filmexperten Erkan Deriduk, weil er dessen Expertise benötigt, um einen Film im Programm der Berlinale unterbringen zu können. Diese Suche führt beispielsweise in das Filmarchiv der dffb und zu Gesprächen mit Ursula Haffke, Walter Momper (ehemaliger regierender Bürgermeister von Berlin) oder auch mit Otto Sander – der ebenfalls den journalistisch anmutenden Off-Text des Werkes beisteuert. Es ist äußerst bedauerlich, dass der Film in einer Art Halbbild-Kopie vorliegt, die immer wieder zu unschönen Bildartefakten führt, was den Sehgenuss einschränkt. Zum Abschluss des Programms folgt „zuckerfee(d)“ von ögyr. In diesem Videoessay werden visuell professionelles Ballett und ögyrs Interpretation dessen mit einander verquickt und gleichzeitig gegenübergestellt. Der poetische Beitrag stellt den Begriff „Zucker“ in den Mittelpunkt, variiert die Spielarten der Deutbarkeit und greift dabei Wortkombinationen wie „Zuckerfest“ auf und wandelt diese im Zusammenspiel mit Tanz zu einer Metapher für das Liebesspiel.

Fazit

Mit rund 70 Minuten Laufzeit bietet das Programm abwechslungsreiches mit ähnlicher Handschrift. Die Bildqualität der einzelnen Werke variiert zum Teil stark und weist bedauerlicherweise wiederholt digitale Bildartefakte auf. Angesichts des Alters einiger Beiträge ist dies allerdings zu verschmerzen.

Anlässlich eines zehn jährigen Jubiläums erscheint es als eine annehmbare Variante der Kuratoren, ihre Reihe mit eigenen Werken zu feiern. Angesichts des tragischen Verlusts von Thomas Plöger im vergangenen Jahr, hätte eine Würdigung des für ganz Schleswig-Holstein relevanten Filmenthusiasten, durch einen Beitrag der Jubiläums-Rolle der Film Förde sicher nicht geschadet.

Filmstill aus „schneewehfernsehn„. Copyright: ögyr

Mi, 11. Februar 2026, 19 Uhr, KulturForum in der Stadtgalerie Kiel

Eintritt: 5 € (erm. 3 €), Tickets nur an der Abendkasse

Weitere Informationen: http://www.filmfoerde.de/

Titelbild: Filmstill aus www.betreuteLoecher.de. Copyright: Helmut Schulzek

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