„Full Metal Jacket“ (Stanley Kubrick, GB/USA 1987)

In den späten 1970er- und 1980er-Jahren entstand eine große Zahl von Vietnam-Kriegs- und Heimkehrfilmen. Zu den bekanntesten zählen „The Deer Hunter“ (Michael Cimino, 1978), „Apocalypse Now“ (Francis Ford Coppola, 1979), „Platoon“ (Oliver Stone, 1986) und „Good Morning, Vietnam“ (Barry Levinson, 1987). Daneben existierten zahlreiche weniger bekannte Produktionen sowie das so genannte Men-on-a-Mission-Exploitationkino mit Titeln wie „The Boys in Company C“ (Sidney J. Furie, 1978), „Who’ll Stop the Rain“ (Karel Reisz, 1978), „Uncommon Valor“ (Ted Kotcheff, 1983), „Missing in Action“ (Joseph Zito, 1984) und nicht zuletzt „Rambo: First Blood Part II“ (George P. Cosmatos, 1985).

Ein Jahr nach „Platoon“ und im selben Jahr wie „Good Morning, Vietnam“ kam Stanley Kubrick mit einem weiteren Vietnam-Film in die Kinos. Doch auch diesmal fügte Kubrick einem bereits stark ausdifferenzierten Genre eine neue Perspektive hinzu. „Full Metal Jacket“ spielt etwa im Jahr 1968 zur Zeit der Tet-Offensive, teilt seine Laufzeit jedoch ungewöhnlich gleichmäßig zwischen dem Boot Camp in South Carolina und den Einsätzen in Vietnam auf. Der Fokus verschiebt sich dabei deutlich weg von der Action im Kriegsgebiet hin zum militärischen Drill und zur Erziehung junger Männer für einen Krieg fern ihrer Heimat.

Kubrick besetzte bewusst junge Schauspieler, deren Alter dem tatsächlichen Durchschnittsalter der Vietnam-Soldaten entsprach, darunter Vincent D’Onofrio und Matthew Modine. Zudem setzte er mit Ronald Lee Ermey einen echten Drill Instructor ein – einen ehemaligen US-Marine und Schauspieler, der sich wiederholt und hartnäckig um die Rolle beworben hatte. Ein Großteil seiner berüchtigten Beleidigungstiraden ist improvisiert und trägt wesentlich zur Authentizität der Ausbildungs-Szenen bei.

Umerziehung zum gehorsamen Objekt © Warner Brothers

Die gesamte Produktion von „Full Metal Jacket“ fand in England statt, sowohl an Originalschauplätzen als auch im Studio. Gedreht wurde unter anderem in ehemaligen britischen Kasernen, während die zerstörte vietnamesische Stadt Huế in einem stillgelegten Gaswerk nahe London nachgebaut wurde. Um die englischen Drehorte wie Vietnam erscheinen zu lassen, importierten Kubrick und sein Team hunderte echter Palmen und tropischer Pflanzen.

Wie viele von Kubricks Filmen basiert auch „Full Metal Jacket“ auf einer literarischen Vorlage. Es handelt sich um seinen sechsten Film, der sich explizit mit Militär und Militarismus auseinandersetzt. Der Film folgt eng dem autobiografisch geprägten Roman „The Short-Timers“ von Gustav Hasford, einschließlich der ungewöhnlichen zweiteiligen Struktur der Erzählung. Nur wenige Passagen aus dem Buch wurden nicht übernommen, darunter eine besonders drastische Bestrafung von Private Pyle („Private Paula“ in der deutschen Synchronfassung) sowie spezielle Ehrungen während der Abschlusszeremonie der neuen Marines.

Der Toilettenraum – Kubricksche Set-Architektur mit absurdem Humor © Warner Brothers

Anders als im Roman spielt die finale Szene des ersten Teils im Toilettenraum, den wir zuvor beim Latrinendienst von „Joker“ und „Cowboy“ kennengelernt haben. Dieser Raum wurde eigens für den Film entworfen und existiert in dieser Form nicht. Er ist ein typisches Beispiel Kubrickscher Set-Architektur: Die Wände sind weiß und grün gestrichen, der Raum wirkt eher wie ein Krankenzimmer als wie eine Kaserne. In absurder Symmetrie stehen die blanken Toilettensitze einander gegenüber, vollständig ohne Sichtschutz. Bereits visuell entsteht so ein Bild des totalen Verlusts von Privatsphäre – und damit des letzten möglichen Rückzugsorts.

Artwork des amerikanischen Filmplakats, entworfen von Philip Castle, © Warner Brothers

 

Militarismus in Kubricks Filmen

In einem beträchtlichen Teil seines Werks nutzt Stanley Kubrick das Militär als analytisches Instrument zur Untersuchung gesellschaftlicher Machtstrukturen. Militarismus erscheint dabei weniger als historisches Phänomen denn als Ausdruck grundlegender sozialer Ordnungsprinzipien. Selbst in Filmen wie „2001: A Space Odyssey“ (1968) oder „Eyes Wide Shut“ (1999), die scheinbar fern vom Krieg angesiedelt sind, lassen sich militärische Denkweisen und Disziplinierungsformen erkennen. Ein vergleichender Blick auf Kubricks Filme verdeutlicht die Vielschichtigkeit dieser Perspektive.

Militarismus als psychische Disposition in „Fear and Desire“ © Kino Lorber

„Fear and Desire“ (Stanley Kubrick, 1953)

Der Film begleitet eine kleine Gruppe von Soldaten, die hinter feindlichen Linien abgestürzt ist und versucht, zu ihrer Einheit zurückzukehren. Ort, Zeit und politische Hintergründe bleiben bewusst unbestimmt, der Gegner ist kaum unterscheidbar vom eigenen Spiegelbild. Die Handlung konzentriert sich auf die zunehmende psychische Desintegration der Figuren.

Das Militär erscheint hier nicht als konkrete Institution, sondern als abstrakter Zustand permanenter Bedrohung. Militarismus ist noch kein geschlossenes ideologisches System, sondern eine psychische Disposition: der Versuch, Chaos durch Befehl und Gewalt zu kontrollieren, der jedoch in Paranoia, Entfremdung und Identitätsverlust mündet.

Keine Chance gegen den Militärapparat: Kirk Douglas in „Paths of Glory“ © United Artists

„Paths of Glory“ (Stanley Kubrick, 1957)

Während des Ersten Weltkriegs erhalten französische Soldaten den Befehl, eine aussichtslose Stellung einzunehmen. Nach dem Scheitern des Angriffs werden drei Männer stellvertretend vor ein Militärgericht gestellt, um das Versagen der Führung zu kaschieren. Der Film verbindet Frontdarstellung und Gerichtsdrama.

Kubrick zeigt das Militär als streng hierarchisches Machtsystem, in dem Befehle moralische Verantwortung ersetzen. Militarismus manifestiert sich als bürokratische Ideologie, die individuelle Schuld unsichtbar macht und Menschen zu funktionalen Opfern eines sich selbst stabilisierenden Systems erklärt.

Aufstand gegen übermächtige Unterdrücker: Kirk Douglas in „Spartacus“ © Universal Pictures

„Spartacus“ (Stanley Kubrick, 1960)

Der Film erzählt den Sklavenaufstand unter Führung von Spartacus im antiken Rom. Der römische Staat reagiert mit militärischer Gewalt, um die bestehende soziale und politische Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Handlung kulminiert in der Niederschlagung der Rebellion.

Das Militär fungiert hier als zentrales Instrument imperialer Herrschaft. Militarismus erscheint als offen politisches Prinzip zur Sicherung von Macht und Ungleichheit, wird jedoch noch in klaren moralischen Gegensätzen zwischen Unterdrückern und Unterdrückten erzählt.

Verwaltung des atomaren Infernos: Filmstill aus „Dr. Strangelove“ © Sony Pictures

„Dr. Strangelove“ (Stanley Kubrick, 1964)

Ein US-General löst eigenmächtig einen nuklearen Angriff auf die Sowjetunion aus. Politiker, Militärs und Wissenschaftler versuchen in einem unterirdischen War Room, die Eskalation zu stoppen – vergeblich. Der Film entfaltet sich als schwarze Komödie über das atomare Zeitalter.

Hier fallen Militär und Militarismus vollständig ineinander. Militärische Rationalität kippt in paranoiden Automatismus, in dem Technik, Ideologie und Männlichkeitsfantasien die Kontrolle übernehmen. Militarismus wird zur selbstlaufenden Logik, deren Konsequenz nicht Sieg, sondern globale Vernichtung ist.

Das Militär als Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg: „Barry Lyndon“ © Warner Brothers

„Barry Lyndon“ (Stanley Kubrick, 1975)

Der Protagonist Redmond Barry gerät im Europa des 18. Jahrhunderts in den Siebenjährigen Krieg und dient zeitweise in verschiedenen Armeen. Krieg erscheint als wiederkehrende Episode eines sozialen Aufstiegs, nicht als moralischer Ausnahmezustand.

Militarismus zeigt sich hier als historisch normalisierte Selbstverständlichkeit. Gewalt ist ritualisiert und ent-emotionalisiert, Soldaten sind austauschbare Figuren in einem größeren gesellschaftlichen Spiel aus Stand, Besitz und Macht.

„Napoleon“ (Stanley Kubrick, unverwirklicht)

Kubrick plante ein monumentales Historienepos über Aufstieg und Fall Napoleons Bonaparte. Schlachten sollten präzise rekonstruiert und als Resultat logistischer Planung und statistischer Effizienz gezeigt werden, nicht als heroische Spektakel.

Militarismus wäre hier als Synthese aus individuellem Ehrgeiz und systemischer Organisation sichtbar geworden: als hochfunktionales, rationales Machtinstrument, das menschliches Leben in kalkulierbare Ressourcen verwandelt.

Der Krieg kennt keine Gewinner: „Full Metal Jacket“ © Warner Brothers

„Full Metal Jacket“ (Stanley Kubrick, 1987)

Der Film ist zweigeteilt: Zunächst zeigt er die Ausbildung von US-Marines im Boot Camp, anschließend ihren Einsatz in Vietnam. Während die Ausbildung durch Disziplin, Drill und Entmenschlichung geprägt ist, herrschen im Krieg Orientierungslosigkeit, Zynismus und moralischer Zerfall.

„Full Metal Jacket“ bündelt Kubricks militärkritische Perspektiven, indem das Militär als Maschine zur Produktion militärischer Identität gezeigt wird. In der Ausbildung wird das Subjekt neu geformt; im Krieg erweist sich diese Formung als unzureichend und zerstörerisch. Militarismus erscheint hier als direkter Eingriff in die menschliche Subjektivität selbst.

Worauf will Kubrick mit „Full Metal Jacket“ hinaus?

Der Film zeigt die totale Entmenschlichung als zentrales Prinzip militärischer Kriegsvorbereitung. Das Individuum wird durch radikale Umerziehung zerstört und in ein gehorsames Objekt verwandelt, das auch sinnlosen Befehlen folgt, ohne sie zu hinterfragen.

Eine zentrale Rolle spielen dabei Befehlsketten, Rituale und eine spezifische militärische Sprache, die eine tiefgreifende psychische Transformation der Rekruten bewirken. Kubrick macht deutlich, dass dieser Prozess nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich wirkt und die Wahrnehmung der eigenen Identität nachhaltig verändert.

Sexualität und Gewalt eng verknüpft im Drill der Rekruten © Warner Brothers

Zugleich zeigt der Film, wie eng Sexualität und Gewalt im militärischen Kontext miteinander verknüpft sind. Das Gewehr als „Braut“ des Soldaten oder die sexuell aufgeladenen Machismen im Drill der Rekruten sind dabei nur die sichtbarsten Ausprägungen eines tiefer liegenden Zusammenhangs, der sich bereits in „Fear and Desire“ andeutet und Kubricks Werk durchzieht.

„Full Metal Jacket“ kann daher als eine Art Zusammenfassung von Kubricks Auffassung des Militärs und des Militarismus gelesen werden. Die Absurdität des Militarismus zeigt sich hier besonders deutlich in der systematischen Produktion von Soldaten für einen Krieg, der sich militärisch nicht mehr gewinnen lässt. Kubrick kritisiert Militarismus nicht durch offene Anklage, sondern durch die präzise Darstellung seiner inneren Logik und Effizienz – und stellt damit weniger die Frage, ob Krieg falsch ist, als vielmehr: Was macht ein militärisches System aus Menschen, und warum sind Gesellschaften bereit, dies zu akzeptieren? (dakro)

„Full Metal Jacket“ wird im Rahmen der Stanley-Kubrick-Retrospektive im Kino der Pumpe aufgeführt.

„Full Metal Jacket“, Großbritannien/USA 1987, 116 Min., 35 mm, Farbe; Regie: Stanley Kubrick; Drehbuch: Stanley Kubrick, Michael Herr, Gustav Hasford (nach dem Roman „The Short-Timers“ von Gustav Hasford); Kamera: Douglas Milsome; Schnitt: Nigel Galt; Musik: Vivian Kubrick (als Abigail Mead); Ton: Brian Blamey, Tony Bell; Szenenbild: Anton Furst; Art Direction: John Beard; Kostüme: Keith Denny; Spezialeffekte: Colin Chilvers; Produktion: Warner Bros., Hawk Films; Darsteller:innen: Matthew Modine (Private Joker), Adam Baldwin (Animal Mother), Vincent D’Onofrio (Private Pyle), R. Lee Ermey (Gunnery Sergeant Hartman), Arliss Howard (Cowboy), Dorian Harewood (Eightball), Kevyn Major Howard (Rafterman) u. a.

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Titelfoto: Artwork des amerikanischen Filmplakats, entworfen von Philip Castle © Warner Brothers
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