Panel beim „Spätsommerfest“ der Filmbranche, Foto © Vanessa Melzer
Moderation (l.): Vivien Buchhorn, Vorstand Filmkultur Schleswig-Holstein e. V., Intendantin der Flensburger Kurzfilmtage
Panel-Gäste, v.l.n.r.:
Ole Kampovski, Leiter der NDR-Abteilung Film, Familie & Serie
Hanna Reifgerst, Künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage Lübeck
Anne Döring, Autorin und Produzentin, Lübecker Drehbuchstipendiatin
Helge Albers, Geschäftsführer MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein
Das Sommerfest der Filmbranche Schleswig-Holstein ist seit rund zwei Jahrzehnten ein wichtiger Netzwerk-Event und Fixpunkt im Kalender der Filmcommunity Schleswig-Holstein. Seit der Fusion der Filmförderungen in Schleswig-Holstein und Hamburg (2007) wird das gemeinsam vom seit 2016 umbenannten Verein Filmkultur SH (ehemals Kulturellen Filmförderung SH e. V.) und der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein zum Sommerfest geladen. Am 3. September 2026 ging es in den „Strandsalon“ auf der Wallhalbinsel in Lübeck anlässlich des ob des späten Termins augenzwinkernd umgetauften „Spätsommerfestes“.
Das inhaltliche Highlight des Netzwerk-Events war eine Paneldiskussion mit Vertretern aus Förderung, Fernsehsender und Festivals sowie Filmschaffenden. Vivien Buchhorn, Vorstand Filmkultur Schleswig-Holstein e. V. und Intendantin der Flensburger Kurzfilmtage, moderierte das Panel und sprach mit Ole Kampovski, Leiter der NDR-Abteilung Film, Familie & Serie, Hanna Reifgerst, Künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage Lübeck, Anne Döring, Autorin und Produzentin sowie Lübecker Drehbuchstipendiatin, und Helge Albers, Geschäftsführer der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein.
Die Themen
Die Paneldiskussion kreiste um die Frage, welchen Herausforderungen Schleswig-Holstein als Filmstandort hat, welche Rolle SH spielen könnte und welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen. Ein gemeinsamer Ausgangspunkt war, dass das Land nicht mit den großen Produktionszentren Berlin, München, Köln oder auch Hamburg konkurrieren könne und dies auch nicht versuchen müsse. Stattdessen wurden Überschaubarkeit, enge Netzwerke, besondere Drehorte und Spezialisierung als mögliche Stärken herausgearbeitet. In diesem Zusammenhang fiel der Begriff des „Boutique-Standorts“: Ein ausgesuchtes, gut sichtbares Angebot für Film- und Fernsehproduktionen sowie Spezialisierungen oder gar Trendsetting durch Innovationen.
Dem stehen handfeste strukturelle Nachteile gegenüber. Als Flächenland verfügt Schleswig-Holstein nur begrenzt über dauerhaft ausgelastete Produktionsinfrastruktur und ausreichend große lokale Teams. Dreharbeiten können deshalb teurer werden, weil Personal, Technik und Dienstleistungen etwa aus Hamburg anreisen müssen und zusätzliche Kosten für Transport, Spesen und Unterbringung entstehen. Selbst Produktionen, deren Geschichten in Schleswig-Holstein spielen, werden daher teilweise andernorts realisiert. Ein beliebtes Beispiel ist der Kieler Tatort, der gerne auf Locations außerhalb des Bundeslandes zurückgreift. Zugleich wurde betont, dass authentische Drehorte einen eigenen Wert besitzen und Filmproduktion erhebliche wirtschaftliche Effekte für eine Region erzeugen kann. Um dafür politische Unterstützung zu gewinnen, müssten diese Effekte aber genauer erfasst und sichtbar gemacht werden.
Als besondere Stärke des Landes wurden seine Orte und Landschaften hervorgehoben – allerdings nicht nur im Sinne bekannter Bilder von Küste, Meer und norddeutscher Weite. Gerade das Brechen solcher Klischees und der filmische Blick auf alltägliche, bislang wenig wahrgenommene Orte könnten ein eigenständiges Profil hervorbringen. Schleswig-Holstein bietet damit nicht nur attraktive Kulissen, sondern auch einen konkreten Lebens- und Erfahrungsraum, aus dem Geschichten entstehen können.
Ein weiteres Thema waren die Arbeits- und Entwicklungsbedingungen für Filmschaffende. Stipendien und Förderprogramme können Freiräume schaffen, in denen Stoffe ohne unmittelbaren wirtschaftlichen Druck entwickelt werden. Schwieriger ist häufig der nächste Schritt zu größeren Produktionen. Regionale Fördersysteme verlangen lokale Effekte, während Filmschaffende für größere Finanzierungen mehrere Förderregionen miteinander kombinieren müssen. Dadurch können gerade gewachsene regionale Netzwerke an Bedeutung verlieren. Diskutiert wurde deshalb die Notwendigkeit von Anschlussmöglichkeiten, die Talente nach ersten geförderten Projekten auf dem Weg zu größeren Kino-, Dokumentar- oder Langfilmproduktionen begleiten.
Breiten Raum nahm auch die Zukunft des Kinos und der Filmauswertung ein. Veränderte Sehgewohnheiten erschweren insbesondere unbekannten Kino- und Arthouse-Filmen den Weg zum Publikum. Gleichzeitig zeigen erfolgreiche Filme und Festivals, dass gerade auch jüngere Menschen weiterhin für Kino zu gewinnen sind, wenn Filme, Vermittlung und Ereignischarakter zusammenkommen. Statt Kino, Fernsehen und Streaming gegeneinander auszuspielen, wurden flexiblere Auswertungsmodelle diskutiert. Klassische Sperrfristen und Beteiligungsmodelle stammen teilweise aus einer Medienwelt, die sich grundlegend verändert hat. Für einzelne Produktionen müsse deshalb neu überlegt werden, welche Kombination von Kino, Fernsehen und Mediatheken sinnvoll ist.
Damit verbunden ist die Filmbildung. Die Fähigkeit, Bilder und audiovisuelle Erzählungen kritisch zu verstehen, wurde als kulturelle Kompetenz beschrieben, die gerade angesichts von KI und einer zunehmend bildgeprägten Medienwelt wichtiger wird. Schulen, Festivals und Kinos können dabei eine zentrale Rolle spielen. Zugleich reicht es nicht, ausschließlich Kinder und Jugendliche anzusprechen: Auch Eltern, Lehrkräfte und andere Vermittler entscheiden als „Gatekeeper“ darüber, wer Zugang zu Filmkultur erhält.
Als übergreifendes Problem wurde schließlich eine wachsende Diskrepanz zwischen Ansprüchen und Ressourcen benannt. Produktionen und Kulturinstitutionen sollen ökologisch nachhaltig, sozial verantwortlich, divers, barrierearm und publikumsorientiert arbeiten und zugleich größere Reichweiten erzielen. Die dafür notwendigen finanziellen Mittel wachsen jedoch nicht im gleichen Maße. Hinzu kommen angespannte öffentliche Haushalte und bürokratische Anforderungen.
Trotz dieser Schwierigkeiten war die Diskussion von einer vergleichsweise optimistischen Grundhaltung geprägt. Schleswig-Holstein verfügt über gewachsene filmkulturelle Strukturen, Festivals, Förderangebote, regionale Netzwerke und eine besondere Verbindung zum nord- und nordeuropäischen Filmraum. Die zentrale Herausforderung besteht weniger darin, völlig neue Strukturen zu erfinden, als vorhandene Potenziale besser miteinander zu verbinden, Hürden abzubauen und den Standort sichtbarer zu machen. Nicht Größe und Produktionsmasse, sondern Profil, Kooperation, Spezialisierung, Innovation und Experimentierbereitschaft könnten damit zu den entscheidenden Stärken des Filmstandortes Schleswig-Holstein werden.
Im Wortlaut
Hinweis: Es folgt eine redaktionell bereinigte Fassung des Gesprächs auf Grundlage eines KI-gestützten Audio-Transkripts mit leichten Kürzungen oder Korrekturen für einen besseren Lesefluss.
Vivien Buchhorn:
Ich freue mich sehr, dass wir mit Helge Albers von der MOIN Filmförderung sprechen, dass wir mit Hanna Reifgerst, der neuen künstlerischen Leiterin der Nordischen Filmtage, sprechen sowie mit einer Autorin: Anne Döring ist bei uns. Herzlich willkommen! Und auch Ole Kampovski ist bei uns, der neue Leiter von NDR Fiction – ich sage immer nur „Fiction“, das wird Ole uns gleich noch einmal erklären.Wir wollen sprechen über Chancen und Herausforderungen. Was wir uns als Vorstand auch immer wieder fragen, ist: Wie schreiben wir Schleswig-Holstein auch im bundesweiten Wettbewerb wieder auf die Karte – in dieser Branche? Und wie ist eigentlich die Stimmung?
Hanna, ich gucke zu dir, weil wir hier in Lübeck sind. Du stehst kurz vor deiner ersten Ausgabe des Festivals der Nordischen Filmtage. Das ist aufregend. Festivals sind aber auch immer Seismografen für Stimmungen, und du bist mit vielen Filmschaffenden im Austausch, jetzt auch schon in der Phase davor. Du kennst die Nordischen Filmtage seit langer Zeit, weil du dort die Kinder- und Jugendsektion geleitet hast. Magst du vielleicht einmal anfangen und erzählen – bevor ich schon sage, was unser Bild ist – und das Ganze einmal öffnen: Was hast du für ein Gefühl, wenn du auf das Filmland Schleswig-Holstein schaust? Wie ist die Stimmung?
Hanna Reifgerst:
Ja, vielen Dank für die Einladung. Es ist in der Tat gerade eine sehr aufregende Zeit: meine erste Ausgabe als Künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage. Ich war gerade letzte Woche in Norwegen, habe noch die letzten Filme gesehen und Gespräche geführt. Ich versuche gerade, eine Brücke zu dem Grundgedanken zu bauen, mit dem die Nordischen Filmtage gegründet wurden – was vielleicht auch ein bisschen etwas über die Stimmung in der Region hier sagt. Die Nordischen Filmtage sind 1956 gegründet worden. Wer jetzt mitrechnet, weiß, dass das Festival dieses Jahr 70 Jahre alt wird. Wir haben nicht die 70. Ausgabe. Aber das Besondere ist, dass das Festival von Filmfans gegründet wurde.Also: In den Fünfzigerjahren gab es hier schon eine Gruppe von Leuten, die das Gefühl hatten, dass es auf der anderen Seite der Ostsee irgendwie Filme gibt, die etwas liefern, die hier im Dialog noch nicht stattfinden. Und das sagt, glaube ich, ganz viel über die Stimmung aus, die hier auch immer noch herrscht. Es gibt einen unglaublichen Wunsch nach Austausch – sehr in dem Bewusstsein, dass man ein kleines Bundesland und ein überschaubarer Standort ist. Ich als Festivalmacherin kann sagen: Ich finde, das ist auch ein absoluter Vorteil, wenn man sich dessen bewusst ist. Weil kleine Standorte agile Netzwerke, sehr enge Kooperationen und unglaublich loyale Zusammenarbeit ermöglichen. Aber eben immer auch mit diesem Blick nach außen und gerne im internationalen Austausch. Und das ist auch einer der Stimmungspunkte, die in Schleswig-Holstein ganz, ganz stark – zumindest bei den Festivals – spürbar sind: dass wir extrem im Austausch sind mit dem restlichen Norden, den es noch da draußen gibt. Vielleicht so weit erst einmal.
Vivien Buchhorn:
Helge, auch die MOIN Filmförderung hat eine Geschichte. Da geht es, wenn wir hier in Schleswig-Holstein sind, natürlich auch immer um die Zusammenlegung der Filmförderungen Hamburg und Schleswig-Holstein. Würdest du unterschreiben, dass diese agilen Faktoren des Standorts tatsächlich von Vorteil sind? Wie empfindest du das? Und was ist aus deiner Perspektive – weil du ja eben auch sehr viel gebraucht wirst, sehr viel auch von dir gefordert wird; du förderst nicht nur, sondern es wird auch viel von dir gefordert –: Wo steht Schleswig-Holstein gerade aus deiner Perspektive?

Hanna Reifgerst: Kleine Standorte ermöglichen agile Netzwerke, sehr enge Kooperationen und unglaublich loyale Zusammenarbeit. Foto © Vanessa Melzer
Helge Albers:
Also erst einmal: Hallo, guten Tag. Schön, dass ihr da seid, dass Sie da sind. Danke noch einmal an den Verein Filmkultur für die gemeinsame Veranstaltung, die wir da durchführen.Nach der Präsentation, die ich gerade gesehen habe, hat sich bei mir ein Gefühl in der Wahrnehmung Schleswig-Holsteins noch einmal verstärkt: dass die Stimmung am Standort tendenziell etwas antizyklisch zur Stimmung in der Gesamtbranche in Deutschland ist. Wir sehen in Schleswig-Holstein gerade einen Generationenwechsel an ganz vielen Punkten. Du bist neu dabei mit den Filmkultur-Tagen [unverständlich]. Hanna ist da. Der Vorstand ist neu. Ich weiß nicht, ich spoilere das jetzt einfach mal: Der neue Geschäftsführer der Nordischen Filmtage ist heute hier, Stefan Vochezer. Hallo, herzlich willkommen in dieser Runde. Es gibt ganz viele neue Gesichter, und man hat viel neue Kraft und viel Energie am Standort. Das ist ein Riesenvorteil.
Wenn wir über die Chancen des Standorts sprechen, dann liegen die Chancen natürlich in den Menschen des Standorts. Menschen prägen Standorte. Die Chancen des Standorts bestehen nicht darin, dass die filmische Großindustrie sich hier langfristig andocken wird. Die Streamer sitzen in München, in Berlin, in Köln, und schon in Hamburg wird es ein bisschen dünn. In Schleswig-Holstein ist der Standortvorteil sicherlich nicht der, dass wir die große Filmindustrie ansässig haben. Aber es gibt eine Reihe anderer Vorteile, und die muss man vielleicht noch ein bisschen stärker hervorheben. Schleswig-Holstein – und das ist überhaupt nicht despektierlich, sondern ein riesiger Standortvorteil – ist eine der interessantesten, abwechslungsreichsten Kulissen für Filme in Deutschland. Daraus kann man sehr viel machen, daraus kann sich sehr viel ergeben.
Film ist immer ein Standortfaktor, ist immer auch ein Wirtschaftsfaktor. Und das wird sich nur herstellen, wenn auch Dreharbeiten stattfinden. Der Umkehrschluss aus dem Fakt, dass Schleswig-Holstein kein Massenproduktionsstandort sein wird, ist: Es wird ein Boutique-Standort sein. Es ist ein Standort, der davon leben wird – und jetzt auch schon sehr stark davon geprägt ist –, „boutique“ zu sein und spezialisiert zu sein. Und gerade in einem Flächenland heißt das, dass man Kräfte bündeln muss, dass man clustert, dass man versteht, wo Energiefelder sind. Aktuell ist das sehr stark in Flensburg, auch über den Filmstudiengang, das Kurzfilmfestival und so weiter.Witzigerweise – ich weiß nicht, ob das Zufall ist – ist der Vorstand gerade sehr nordschleswig-holsteinisch besetzt. Aber da liegt vielleicht trotzdem auch etwas von dieser Energie drin, die gerade entsteht. Und die muss man verstärken. Deswegen finde ich gut, dass es diesen Strategietag gibt. Der kommt auch zum richtigen Zeitpunkt, glaube ich. Und er wird es trotzdem nicht ganz leicht haben. Denn auch das ist eine Wahrheit, mit der wir leben müssen: Die Haushaltslagen sind extrem angespannt. Alles, was an strategischen Überlegungen kommt, wird sich immer an den Haushaltssituationen reiben müssen, die einfach Realität sind. Das ist das Spannungsfeld. Aber darin liegt eben auch viel Chance. Und solange Menschen da sind, die Lust haben, etwas zu bewegen – und die sehe ich –, liegt immer auch eine Chance im Standort.
Vivien Buchhorn:
Ich würde gerne, bevor wir weitergehen, noch einmal nachfragen, weil das interessant ist und du so ein Panorama aufgemacht hast. Du hast auch benannt, dass wir bei der Infrastruktur ehrlich sein müssen. Das finde ich an dieser Stelle ganz wichtig: dass man sich nicht überschätzt, sondern sehr realistisch darauf schaut, wo Schleswig-Holstein in Zwängen steckt.Du hast die Haushaltslage angesprochen. Aber auch ganz konkrete Fragen neben der Haushaltslage: Wie schaffen wir Infrastruktur? Das fängt bei Rentals an. Wir haben die nicht in dieser Situation in Schleswig-Holstein. Die packen dann alles ein, fahren von dort hierher – das ist weder ökologisch noch das, was wir wollen. Wie können wir tatsächlich Anreize schaffen? Was gibt es da gerade für Ideen, um tatsächlich Infrastruktur nach Schleswig-Holstein zu bekommen und, wenn man einmal ganz wirtschaftlich darauf schaut, eine Effizienz hineinzubekommen?

Helge Albers: Film ist immer ein Standortfaktor, ist immer auch ein Wirtschaftsfaktor. Foto © Vanessa Melzer
Helge Albers:
Zunächst muss man, glaube ich, ein besseres Verständnis der Wirkung von Film für den Standort entwickeln, diese Wirkung erheben und auch zahlenmäßig unterlegen. Das ist etwas, was wir für Hamburg schon gemacht haben. Da gab es aktuell eine Budgeterhöhung aus dem Hamburger Haushalt, die sich ganz maßgeblich daraus ergeben hat, dass wir sehr konkret und präzise darüber argumentieren konnten, welche Wirkung Film entfaltet. Auch auf einer fiskalischen Ebene und so weiter. Sehr trockene, sehr langweilige, unromantische Themen – aber sie sind angekommen. Und möglicherweise kommen sie auch in Schleswig-Holstein an. Das heißt: Man muss immer sehr genau darauf schauen, was Film nach sich zieht, auch auf indirekter Ebene, auf induzierten Ebenen. Also wirklich sehr tief hineingehen. Das ist eine Möglichkeit.
Ansonsten ist die Frage nicht so leicht zu beantworten. Denn natürlich braucht jeder Rental und jeder Wirtschaftsbetrieb, der sich irgendwo ansiedelt, eine kritische Masse, eine Auslastung, eine Auftragslage, um gut existieren zu können. In einem Flächenland – auch da ist wieder ein Standortnachteil – ist es nicht ganz leicht, diese Auslastung herzustellen. Möglicherweise muss man auf den technologischen Wandel schauen, ihn anders nutzen und nicht dem hinterherlaufen, was wir kennen und was schon gelebt wird – in einer technischen Struktur, die vielleicht noch aktuell ist, aber von der wir nicht wissen, ob sie es bleiben wird. Das heißt: nach vorne denken und schauen: Wo ist die Lücke? Wie kommt man vor die Kurve? Mit welchen Modellen, mit welchen Ideen kommt Schleswig-Holstein vor die Kurve und wird eher Innovationstreiber als Nachläufer. Darin könnte eine Chance liegen. Das schmeichelt dem Ego jedes Bundeslandes.
Vivien Buchhorn:
Jetzt kommen wir zu jemandem, bei dem es romantisch wird, weil es ums Filmemachen geht. Liebe Anne, du bist hier bei uns. Vielleicht geben wir das Mikrofon direkt an dich. Das ist ganz schön, weil diese Brücken funktionieren. Genau das zeigt, wer alles gebraucht wird in diesem Land: nämlich genau diese Perspektive.
Du hattest zuletzt das Drehbuchstipendium der Nordischen Filmtage inne, bist hier in Lübeck aufgewachsen, also ein Nordlicht, und hast gleichzeitig durch das Stipendium Zeit hier verbracht, Stoffe hier entwickelt und genau diese Bilder gesucht. Vielleicht magst du einfach einmal erzählen, was du in Schleswig-Holstein siehst. Wir haben im Vorstand viel über Klischees und das Schleswig-Holstein-Image geredet. Die brauchen wir ja auch, klar. Aber wir suchen dennoch nach anderen Bildern. Denn es gibt sehr viele Filmschaffende, die nicht alle Fatih Akin aus Hamburg sein können, der dann nach „Amrum“ fährt und in dieser Größe dreht. Anne, ich glaube, es wäre toll, von deiner Erfahrung zu hören: Welche Bilder interessieren dich? Und was ist gerade spannend für Filmschaffende in Schleswig-Holstein?
Anne Döring:
Ja, ich greife gerne noch einmal auf, was du gerade gesagt hast: Wenn man von Schleswig-Holstein als Kulisse spricht, muss das gar nicht despektierlich sein. Und das Klischee kann ja auch etwas unheimlich Beruhigendes haben. Man weiß dann, wie so ein Strand funktioniert. Und wenn ich, keine Ahnung, „Praxis mit Meerblick“ auf Rügen gucke, dann weiß ich, dass irgendwann jemand mit Vollbart und hochgekrempelter Hose auftauchen wird. Und das finde ich erst einmal auch – das gucke ich mir auch gerne an. Da kann man ruhig ehrlich sein.
Wenn ich von meinen eigenen Filmen spreche, dann glaube ich, dass Orte für mich vor allen Dingen mit mir verstrickt sind. Alle Filme, die ich bis jetzt gemacht habe, haben hier in der Region stattgefunden, wurden hier in der Region gedreht, weil ich über Orte ins Nachdenken komme. Und weil – so wie ich Filme mache – das Konkrete für mich poetisch werden kann. Ihr kennt das bestimmt auch: Wenn man manchmal auf einer Zugfahrt aus dem Fenster guckt oder für eine Insta-Story einfach die Kamera auf Baumspitzen hält oder auf das Meeresrauschen, dann verändert sich das auf einmal und fängt an, etwas zu erzählen. Wenn man in einer bestimmten Haltung, in einer bestimmten Ruhe ist, geht es mir so, dass das alle Orte betrifft, in denen ich mich bewege. Während des Stipendiums sind Geschichten in Lübeck-Kücknitz entstanden, in den Garagenhöfen dort. In St. Lorenz hier in Lübeck, in der Wickedestraße. Das sind die Orte, durch die ich mich bewege. Und gerade vorhin, als ich im Zug hierher saß, habe ich gedacht: So ein Bahnhof in Lübeck-Moisling ist manchmal mindestens genauso interessant wie die Radfahrt auf dem Deich auf Rügen bei „Praxis mit Meerblick“. Denn in dem Moment, in dem man mit anderen Augen darauf guckt – und das machen wir ja als Filmemacher:innen –, schaffen wir es, das Selbstverständliche, das, was uns umgibt, zu etwas Unselbstverständlichem zu machen. Und dann entsteht auf einmal etwas an diesem Ort. Zuletzt habe ich einen Kurzfilm in St. Peter-Ording gemacht. Und das ist auch eine wunderschöne Kulisse: dieser Strand, diese unendliche Weite. Da ging es aber eigentlich um etwas ganz Unheimliches. Das freut mich auch: dass wir das allzu Heimliche unserer Orte sozusagen unheimlich machen können, wenn wir sie mit anderen Augen anschauen. Da war der Strand auf einmal eine Metapher für Krise.
Vivien Buchhorn:
Ich finde sehr schön, wie du diese Kippbilder der Bilder, die wir kennen, beschreibst. Dass wir sie auch anders ausschöpfen und nutzbar machen können. Und dass das Klischee eben auch etwas Positives sein kann. Das finde ich sehr interessant. Ich glaube, das lässt einen noch einmal denken. Gleichzeitig noch einmal andersherum gefragt: Du hattest diese großartige Möglichkeit dieses noch relativ jungen Stipendienprojekts, das die Filmtage angeboten haben. Da merkt man schon, welche Effekte wirken: dass jemand auf einmal Kücknitz abbildet beispielsweise oder auf Garagen hier mit einem anderen Blick schaut. Aber wenn du noch einmal sagst: Was bräuchte es? Wie ist es mit der Locationsuche hier in Schleswig-Holstein? Oder hast du durch die Projekte, die du gerade hier entwickelt hast, vielleicht auch Nöte oder Bedürfnisse anders kennengelernt, beim Entwickeln oder beim Drehen? Also noch einmal dahingehend: Was benötigen Filmschaffende in dieser Region?

Anne Döring: Richtlinien aus einem Idealismus heraus fertigen. Also: Wie soll es denn werden? Foto © Vanessa Melzer
Anne Döring:
Ja, ein bisschen fragst du da jetzt die Falsche, weil ich gerade so viele Chancen hatte. Ich hatte durch das Stipendium die Möglichkeit, sehr konzentriert arbeiten zu können, weil ich keinen Nebenerwerb brauchte, um ein Drehbuch schreiben zu können. Insgesamt habe ich – ohne hier jetzt irgendjemandem schmeicheln zu wollen – echt das Gefühl, dass gerade in den letzten Jahren durch NEST zum Beispiel solche Räume geschaffen worden sind, in denen es darum geht, sich treiben lassen zu können, durch Räume schweifen zu können und zu schauen: Was passiert, wenn ich mich hier bewege? Das geht aber natürlich nur, wenn man nicht irgendwo Schnittjobs machen muss oder beim NDR Nebenjobs hat, wie ganz viele andere Kolleg:innen. Deswegen hatte ich diese Not jetzt nicht. Aber es braucht eben auch die Möglichkeit, einmal in Ruhe und in einen kontemplativen Blick kommen zu können. Und weil ich auch Producerin bin, habe ich gerade noch einmal überlegt: Klar gibt es diese Sachzwänge, die du eben schon angesprochen hast.
In St. Peter beispielsweise: Wie soll man green shooten, wenn es keine Ladestation gibt? Aber da kann man ja hoffen, dass sich das bewegt. Und da sind wir in Hamburg und Schleswig-Holstein ja auch relativ avantgardistisch. Das sind im Kleinen dann einfach Dinge, bei denen man nachts denkt: Wie soll ich …? Ich will ja, aber …
Vivien Buchhorn:
Lieber Ole, von den Nebenjobs beim NDR: Kinder und Jugend und serielle Entwicklung hast du schon geleitet. Und jetzt bist du verantwortlich für den Bereich NDR Fiction, den viele Jahre Christian Granderath verantwortet hat. Also auch Bewegung da, etwas Neues, eine neue Richtung. Vielleicht magst du einmal erzählen, wie du das wahrnimmst: Wie viel dreht der NDR so in Schleswig-Holstein? Wie schätzt ihr neben dem großen Boot Hamburg die schleswig-holsteinische Filmlandschaft ein? Hast du Schleswig-Holstein auf deiner imaginären Karte?
Ole Kampovski:
Mein Vater ist Kieler. Mein Großvater hat bei Howaldtswerken gearbeitet, mein Großvater war beim Matrosenaufstand dabei. Die andere Seite kommt aus dem Saarland, aber ich bin ganz gut vernetzt hier in Schleswig-Holstein. Ich selbst komme aus Hamburg-Blankenese, da haben auch alle behauptet, das gehöre noch zu Schleswig-Holstein. Also da bin ich sehr drin.
Was machen wir hier? Wir drehen pro Jahr zwei Tatorte in der Regel. Wir machen mindestens noch einmal zwei weitere Fernsehfilme. Wir produzieren hier – das ist für den Standort Lübeck auch sehr wichtig – „Morden im Norden“ als eine Endlos-Vorabendserie. Die sorgt, wie alle diese Serien, auch immer dafür, dass viele Leute hierherkommen und sich das angucken. Das ist eine der erfolgreichsten Serien, die wir machen. Schleswig-Holstein ist eines der vier Bundesländer, eines der wichtigsten Länder, die der NDR hat. Und Schleswig-Holstein hat den Vorteil, dass wahnsinnig viel von dem, was wir alle im NDR-Sendegebiet als unsere norddeutsche Identität haben, hier in den Landschaften, in den Menschen, auch in den Geschichten zu finden ist. Deshalb ist Schleswig-Holstein ein super Standort und auch ein super Drehort für uns.
Vivien Buchhorn:
Gut. Und jetzt wollen wir uns ja ehrlich machen. Jetzt munkelt man ja, dass bei einem dieser Tatorte, der in Kiel spielt, gar nicht so viele Drehtage in Kiel gedreht werden, sondern sehr viele in Hamburg. Ich finde es schön, dass wir nicht nur da sind, um uns zu loben. Wir wollen als Vorstand auch kritisch nachfragen. Warum ist das so? Gibt es da ganz klare Sachzwänge? Ich möchte auch verhindern, dass diese Gerüchte immer weitererzählt werden. Im Hintergrund hört man das dann. Erzähl mir doch einmal, warum das so ist. Dann verstehen wir vielleicht auch mehr.
Ole Kampovski:
Ein Grund ist natürlich Geld. Das ist ganz klar. Für die Filme gibt es eine relativ standardisierte Größenordnung an Produktionskosten. Und du musst, um in Schleswig-Holstein zu drehen, deutlich mehr Geld ausgeben als in Hamburg. Dafür gibt es einen Grund: Das sind die Teams, die in Hamburg vorhanden sind. Und das sind die Spesen, die du zahlen musst, wenn du hier drehst. Wir haben die Drehtage in Kiel deutlich erhöht. Man kann sie auch noch mehr erhöhen. Vielleicht können wir uns nächstes Jahr einmal angucken, ob das geklappt hat oder nicht.
Ich finde einfach, dass jeder Film authentischer wird, wenn er dort gedreht wird, wo er spielt. Das hat auch etwas mit einer Auseinandersetzung mit dem Standort zu tun. Gaarden sieht anders aus als ein ähnlicher Stadtteil in Halle oder fühlt sich anders an. Bei den Innenaufnahmen ist es natürlich immer eine Frage. Das Polizeirevier: Drehst du das in Hamburg, wo es vielleicht schon Facilities gibt, die eingerichtet sind, oder drehst du es hier? Letztendlich muss man sagen: Klar gibt es immer Standortinteressen. Aber wir sind als Norddeutscher Rundfunk vor allen Dingen unseren Zuschauerinnen und Zuschauern und den Leuten verpflichtet, die die Beiträge zahlen. Da sind wir natürlich auch gehalten, wirtschaftlich zu arbeiten. Und ich glaube, das ist, wenn wir uns ehrlich machen, immer auch ein Problem in Schleswig-Holstein – nicht nur für uns, sondern auch für andere. Du willst hier drehen, du willst bestimmte Motive haben. Diese Motive sind wunderschön. Das wissen aber auch Leute, die keine Filme machen, wenn die zum Beispiel Urlaub machen. Das heißt: Wenn du im Sommer drehst, dann finde einmal ein Hotel für 70 Leute. In Lübeck wird das vielleicht ein bisschen besser funktionieren und so weiter. Das ist halt ein Thema.

Ole Kampovski: Wir [der NDR] müssen uns überlegen, ob wir noch mehr Akzente hier [in SH] setzen. Foto © Vanessa Melzer
Vivien Buchhorn:
Und was würdest du sagen: Was bräuchte es, damit man da anfängt? Was bräuchte es aus dem Land heraus, damit da auch Budgets bei euch verschoben werden? Das braucht ja einen Gesamtplan. Man kann ja nicht einfach darauf warten, dass die Hotels leerer werden.
Ole Kampovski:
Nein, ich glaube, wir müssen uns überlegen, ob wir noch mehr Akzente hier setzen. Aber das ist nicht so sehr die Sache des Landes oder der MOIN oder so etwas, sondern das sind schon eigene Überlegungen, die wir bei uns haben. Wir sind relativ gut bei „Morden im Norden“ mit den Drehtagen. Aber das heißt für uns: konsequent darauf achten, möglichst viele Außenaufnahmen hier zu machen. Am besten alle. Und das hat auch sehr viel mit Disposition zu tun und mit dem Strecken von Drehplänen und so weiter. Da müssen wir einfach jede Effizienz herausholen, um das zu verbessern.
Vivien Buchhorn:
Jetzt hast du zwei Fernsehsendungen genannt. Wie ist es denn mit dem Kino? Hat der NDR das Kino noch auf dem Schirm? Wird das als „hohe Kunst“ abgetan? Fernsehen und Serien sind natürlich erst einmal gegebenenfalls lukrativer und wirtschaftlicher. Gibt es da Gedanken zu?
Ole Kampovski:
Da muss ich sagen: Es sind zwei Teile. Im Kinderprogramm, für das ich ja auch noch verantwortlich bin, drehen wir sehr, sehr viele Kinderfilme. Das sind immer auch Spielfilme. Da sind wir sehr aktiv. Im Programm für Erwachsene ist es in den letzten Jahren zurückgegangen. Das liegt daran, dass sich Nutzungsgewohnheiten ändern. Kinofilme, gerade auch Arthouse-Kinofilme, waren ja nie die großen Renner. Aber das ist nicht die Frage. Sondern es gibt gerade bei jungen Leuten wahnsinnig wenige, die sich auf einen 90-minütigen Spielfilm einlassen, den sie vorher nicht kennen. Wenn es keine IP ist oder wenn du nicht in den ersten 30 Sekunden ein Angebotsversprechen hast, das dich hält, und ein klares Genreversprechen – was die wenigsten Kinofilme haben. Kinofilme lieben wir ja auch deshalb so sehr, weil die Exposition so ist, dass wir uns auf den Film einlassen, dass wir uns dafür Zeit nehmen. Und diese Zeit hast du im linearen Fernsehen oder in den digitalen Medien kaum. Ich glaube, da müssen wir uns vielleicht alle neue dramaturgische Wege überlegen. Denn das Kino ist wichtig.
Wir machen jedes Jahr zusammen mit der MOIN und der nordmedia drei Debütfilme mit den „Nordlichtern“ – oder drei Debütproduktionen, muss man sagen. Es können ja auch Serien oder Fernsehfilme sein. Also auch da sind wir dem Kino verpflichtet. Und wir werden auch weiterhin versuchen, Kinofilme zu produzieren. Aber das wird nicht einfach. Und das hat auch mit den Zuschauerinnen und Zuschauern und mit veränderter Nutzung zu tun.
Vivien Buchhorn:
Wobei ich das gerne an alle öffnen möchte. Ihr sollt ja auch miteinander sprechen. Es gibt ja gerade auch neue Zahlen, die fürs Kino gar nicht so schlecht aussehen. Und grundsätzlich – das kann Hanna erzählen, das weiß Helge von den Festivals – gibt es einen großen Zulauf auch bei Festivals. Kino muss offenbar immer wieder mit der Frage der Auswertung verbunden werden: Baue ich eine Lesung darum? Mache ich eine Kinotour darum? Dann wird es voller im Kino.
Um „vor die Welle“ zu kommen, wie du gesagt hast: Müsste man dann nicht eigentlich gerade in einer Zeit, in der so vieles kippt, in der es so viel Störpotenzial und Demokratiegefährdung gibt, sagen: Man sollte nicht mit der Ungeduld der Gegenwart mitlaufen, sondern eher die Geduld fördern? Das ist natürlich ein wirtschaftlicher Spagat. Aber wäre das nicht auch eine Möglichkeit?
Helge Albers:
Beim Thema Kinofilm und Fernsehen sind wir in meiner Wahrnehmung in einem etwas reflexhaften Umgang miteinander. Der kommt aus einer Zeit, in der die Auswertungskaskaden sehr klar definiert waren, sehr stark durchreguliert waren. Wenn man sich davon einmal befreien könnte – und das haben wir in der Regulatorik weitestgehend schon getan; die Sperrfristendiskussionen, die wir einmal hatten, sind obsolet –, dann könnten wir darauf schauen, wo wirkliche Chancen liegen. Und wo auch die Chance für das Fernsehen oder die Plattform im Kino liegt. Und so, wie du sagst: Wir sehen gerade, dass das Kino eine ganz interessante Zeit hat. Wir haben jetzt im letzten Sommer Filme gesehen, die ein Publikum erreicht haben, bei dem lange nicht so ganz klar war, ob es eigentlich weiß, wo das Kino steht. Und auf einmal sieht man: Wenn die Filme stimmen und wenn das Programm stimmt, dann findet ein sehr junges und kinobegeistertes Publikum diesen Raum und kommt. Also: Der Gegenbeweis ist erbracht, dass auch ein junges Publikum, ein agiles, durch viele Schichten hindurch bestehendes Publikum den Weg ins Kino finden kann.
Und jetzt ist die Aufgabe wieder bei uns. Das sehe ich wirklich als Gemeinschaftsaufgabe: zu schauen, wo die Öffnung ist. Dass in der Breite Fernseh-Koproduktionen ins Kino kommen – weiß ich nicht. Ich wünsche es mir, aber es klingt schon schwierig. Aber man muss immer wieder die Öffnung suchen und finden, wenn man sich darüber einig ist, dass es sich lohnt, dieses Risiko einzugehen. Auch über Wirtschaftlichkeit muss man dabei sprechen. Denn Kino kann wirtschaftlich sein. Kino kann einer der wirtschaftlichsten Räume überhaupt sein, kann aber auch ein großes Verlustgeschäft sein. Das ist ein Risikobereich. Und da muss man sich darüber einig werden: Risiko und Ertrag – das sind ja immer die beiden Kurven, um die es geht – müssen in einem interessanten Verhältnis stehen. Darüber muss man reden, finde ich. Das wäre mein Mittel an dieser Stelle.
Diese generelle Absage ans Kino ist vielleicht schon wieder ein bisschen dated. Wenn wir darüber reden, wie wir über die Welle kommen, sind wir besser beraten, immer wieder im Einzelfall darüber nachzudenken: Wo passen Filme hin? Wo finden sie genau ihre richtige Auswertungsplattform, ihre richtige Auswertungsfläche? Wie schaffen sie es auch, die Wertschöpfungskette möglichst voll auszuschöpfen?

Mit kritischem Nachhaken: eine ehrliche Bestandsaufnahme zur Situation des Filmstandortes SH. Foto © Vanessa Melzer
Ole Kampovski:
Ich unterschreibe alles, was du gesagt hast. Das Problem ist natürlich auch das Medium, über das du das wahrnimmst. Beim Kinderfilm zum Beispiel sind wir in einem ganz anderen Gang. Der Kinderfilm funktioniert hervorragend im Fernsehen. Der Kinderfilm macht aber auch regelmäßig die Kinos voll, und es gibt sehr viele kommerziell sehr erfolgreiche Kinderfilme. Qualität ist immer gegeben – häufig jedenfalls –, aber das ist ein ganz anderer Bereich.
Und wir müssen uns auf jeden Fall darüber unterhalten, wie wir flexibler werden. Wir haben jetzt Kinosperrfristen – hast du vollkommen recht –, aber auch Beteiligungsregelungen. Die sind aus einer Zeit, die lange vorbei ist. Die Frage wäre zum Beispiel: Wenn wir uns gegenseitig helfen, ist eine sehr kurze Kinosperrfrist vielleicht interessant? Ist es für einige Produktionen vielleicht sogar interessant, wenn sie im Fernsehen auf bestimmten Sendeplätzen oder in den Mediatheken gespielt werden und danach in den Raum Kino gehen? Das wären alles Sachen, die man ausprobieren kann – oder ausprobieren sollte. Einiges davon wird vielleicht besser funktionieren als das, was wir jetzt haben. Und sich genau darauf einzulassen, neue Sachen auszuprobieren: Daran habe ich großes Interesse. Ich weiß, meine Kolleginnen und Kollegen auch.
Hanna Reifgerst:
Dann würde ich einen anderen Punkt gerne noch einmal aufgreifen. Mich freut es ja prinzipiell, dass Menschen wieder ins Kino gehen. Wir haben ja dieses Jahr wieder den „Barbenheimer“- oder [unverständlich]-Effekt. Also zwei Filme, die offensichtlich eine Zielgruppe ins Kino locken, die, sagen wir mal, nur alle zwei Jahre vielleicht ins Kino geht. Man kann sich auch darüber unterhalten, warum das so ist. Ich glaube zum Beispiel, dass einer der Gründe tatsächlich ist, dass es wirtschaftliche, ökonomische Hürden gibt. Gerade bei diesen hochklassigen Kinofilmen sind das jetzt zwei Filme, die nicht aus Schleswig-Holstein kommen, noch nicht einmal aus Deutschland. Ich glaube, das ist auch eine Frage, die wir uns stellen müssen, wenn wir hier über den Standort reden.
Helge Albers:
Das deutsche Kino hatte ein sehr gutes, ein hervorragendes Jahr.
Hanna Reifgerst:
Ein hervorragendes Jahr, genau.
Helge Albers:
Ich frage mich halt in der Standortförderung, wie wir das verknüpft bekommen. Es ist ja auch ein Jahr, in dem zum Beispiel ein Film, der hier aus Schleswig-Holstein produziert wurde, in Cannes einen Regiepreis gewonnen hat. Das haben auch nicht viele aufgeschrieben. Also es gibt Perlen, die es hier zu entdecken gibt, jenseits dieser großen. Und ich frage mich immer: Das ist zum Beispiel eine Frage, die kannst du, Vivien, vielleicht auch aus deiner Strategieposition noch einmal mitnehmen.
Klar hast du Zugpferde, also Namen und große Produktionen und Sachen, die alle sehen wollen. Aber wie kriegen wir das verknüpft mit den Sachen, die auch gesehen werden sollten, die wichtig sind für die Diversität der Filmlandschaft? Und wie lässt sich möglich machen, dass sich auch jenseits der großen Standorte etwas entwickelt?
Vivien Buchhorn:
Da sage ich eigentlich immer das Gleiche, und das ist der Link zum Kinderfilm: nämlich die Filmbildung. Auch im Sinne von: Wie lernt man Kino? Ich glaube, dieses Land hat es verpasst, in Schulen einfach einzuführen, dass man sich mit Bilderpolitik auseinandersetzt, dass man Bilder verstehen lernt, kritisch verstehen lernt – gerade in Zeiten von KI und anderem. Ich glaube, es geht ganz früh los. Und ich merke das auch, wenn wir beispielsweise „Rolle vorwärts“ machen, unser Schulkinoprogramm. Und das merkt man bei den Schulkinowochen in Hamburg genauso. Es gibt einen großen Drang nach Kino, aber auch eine Lust, diese Filme fundiert nachzubesprechen und zu überlegen: Was habe ich da eigentlich gerade gesehen? Sich wieder anders auf Bilder einzulassen. Das war auch so mein Punkt mit der Geduld vorhin. Darüber denke ich oft nach.
Hanna Reifgerst:
Ich würde es auch noch erweitern wollen. Ich glaube, die Lücke ist nicht nur bei den Kindern, die offensichtlich noch im Lernen und Werden sind. Es sind oft auch die Gatekeeper – nenne ich das jetzt hier einmal ein bisschen norddeutsch. Ich denke an Eltern, an Lehrkräfte, an Pädagog:innen, die lernen müssen, mit einer neuen Generation umzugehen. Jetzt spricht die Young-Audience-Programmerin, die dieses Jahr natürlich in Lübeck nicht mehr in der Funktion am Start ist. Aber es ist ein Publikum, das wir natürlich ganz, ganz stark mitdenken. Ich glaube, wir müssen generell über eine Öffnung reden.
Kino ist etwas Elitäres. Wir versuchen das immer schönzureden, dass wir durchlässig sein wollen. Ich kann es von uns als Nordischen Filmtagen sagen: Wir betreiben seit Jahren einen gigantischen Aufwand, weil wir diese Barrieren einreißen wollen. Weil wir überzeugt davon sind, dass Kino etwas ist, das Menschen zusammenbringen kann – egal, woher sie kommen, ob sie Deutsch können oder nicht, ob sie Geld haben oder nicht. Kino hat eine Kraft, eine emotionale Wucht, die über all diese Grenzen hinweggeht. Aber dafür müssen wir die Leute erst einmal hinbringen. Und das möchte ich noch einmal als Aspekt mit hineinbringen, wenn wir über Herausforderungen und Chancen hier am Standort sprechen.
Eine Beobachtung, die ich noch habe, ist, dass momentan die Ansprüche an Kulturakteur:innen und auch an Kulturinstitutionen immer weiter steigen. Seien es ökologische Faktoren, die wir berücksichtigen sollen und natürlich auch möchten. Wir sollen sozialverträglich arbeiten. Wir sollen nachhaltig arbeiten. Wir sollen divers sein. Wir sollen möglichst viel abbilden und Reichweite generieren. Jedes Festival muss eine Audience-Building-Strategie haben. Aber wir kriegen keine zusätzlichen Fördermittel dafür. Und davon nehme ich Filmproduktionen nicht aus. Du sollst grün produzieren. Kriegst du mehr Geld? Oder kriegst du nur mehr Herausforderungen?
Anne Döring:
Allein dieses CO₂-Protokoll … Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, nicht zu jammern. Aber was du sagst, stimmt total. Es gibt auf der einen Seite eine hohe Sensibilität, die ich auch total toll finde. Und ich finde es auch toll, dass Hamburg und Schleswig-Holstein bei vielen Themen immer die Ersten in Deutschland waren. Und zugleich ist es oft schwierig, das einzuhalten. Deswegen bin ich zum Beispiel auch froh, dass ihr „Nordlichter“ macht. Als du gerade von „Nordlichtern“ gesprochen hast, habe ich noch einmal gedacht: Es ist oft so schwer, ein überregionales Netzwerk aufzubauen. Wenn ich nicht von „Nordlichtern“ gefördert werde, kann ich in Hamburg keine Finanzierung schließen. Also bin ich eigentlich gezwungen, überregional zu arbeiten. Dann kann ich aber eigentlich gar keine Leute [aus meinem Netzwerk beschäftigen], weil jede andere Filmförderung natürlich auch will, dass ihre Leute, ihre „Landeskinder“, beschäftigt werden. Wenn ich auf meine Biografie gucke: Wann soll das passiert sein, dass man sein Netzwerk in Bayern gebildet hat? Ich bin hier aufgewachsen und habe hier studiert. Mein ganzes Netzwerk ist Hamburg und Schleswig-Holstein. Und ich kann mich jetzt im Grunde entscheiden, ob ich mit fremden Leuten arbeite – die bestimmt auch alle total toll sind. Aber das ist noch einmal etwas, was mir im Nachhinein zu deiner Frage einfällt: Was bräuchte es? So ein Programm wie „Nordlichter“ noch einmal zu verbreitern oder eine Art Second-Step-Programm daraus zu machen. Dass man sagt: Ich mache gerade den einen Dokumentarfilm, über den wir gesprochen haben, dann mache ich aber auch einen Kinolangfilm mit einem größeren Budget. Das ist gerade so schwer.
Und die anderen Sachzwänge, die du gerade angesprochen hast: dass Anforderungen kommen – welche Welt zeige ich? Wie besetze ich mein Team unter solchen Fragestellungen? –, das sind noch einmal weitere Anforderungen. Da bin ich aber ganz persönlich – auch als ich an der Uni gearbeitet habe, war ich Gleichstellungsbeauftragte – ganz klar der Auffassung, dass man die Richtlinien aus einem Idealismus heraus fertigen muss. Also: Wie soll es denn werden? Und dann haben wir jetzt halt ein bisschen die Arschkarte als Generation, die das irgendwie schaffen muss. Aber damit es dann besser werden kann.
Helge Albers:
Mann, da habe ich gerade Puls gespürt. Ich habe in diesen Tagen so eine rezeptive Reaktion, wenn in diesem Land viel über Krisen diskutiert wird. Wir können uns, glaube ich, erst einmal grundsätzlich – das ist meine Meinung – darauf verständigen, dass in diesem Land ganz viel möglich ist. Dass wir immer noch mit finanziellen Ausstattungen und Möglichkeiten umgehen, auf die – wenn ich im europäischen oder außereuropäischen Ausland unterwegs bin – mit sehr viel Neid geschaut wird. Die Möglichkeiten, die wir haben, sind groß. Die Frage ist natürlich trotzdem berechtigt: Nutzen wir diese Möglichkeiten eigentlich gut genug? Sind wir gut genug darin, das, was wir an Potenzial haben, auf die Straße zu bringen? Systeme zu verschränken, Hürden abzubauen? Dass diese Hürden da sind, dass zu viel Bürokratie da ist – ich glaube, darauf kann man sich auch schnell einigen. Das ist auch ein Stück weit unsere Rolle als Förderung. Alle, die steuernd, unterstützend und regulierend unterwegs sind, haben mittlerweile ganz gut verstanden, glaube ich, dass da viel Arbeit zu leisten ist. Alles nicht trivial. Aber der Druck ist da.
Und trotzdem wäre ich extrem zurückhaltend damit zu sagen, dass die Dinge ganz grundsätzlich nicht stimmen. Sondern wir müssen darüber reden: Was wäre besser zu machen? Wo sehen wir Chancen? Das ist für mich die richtige Diskussion. Und da sind wir teilweise – um konkret darauf einzugehen, was du vorhin sagtest: Wie finden die Filme ihren Weg? – gerade dabei, unsere Verleihförderung zu bearbeiten. Die wird zum einen deutlich vereinfacht, auch im bürokratischen Aufwand. Aber wir setzen zum Beispiel auch Incentive-Punkte ein, um den ländlichen Raum zu unterstützen. Also ganz konkret dahin zu wirken, wo wir verstehen, dass Kino besonders wirkt und besonders stark wahrgenommen wird: nämlich dann, wenn Macher:innen, Regisseur:innen und Talents vor Ort sind. Das wollen wir intensivieren. Wenn die Macher:innen und die Schauspieler:innen zum Beispiel vor Ort sind, gibt es extra Geld. Wir wissen, dass dann Leute kommen. Und wenn wir es wissen, müssen wir irgendwie darauf eingehen. Das ist nur ein praktisches Beispiel, wo man wirklich ansetzen kann.

Substantielle Panel-Diskussion, (v.l.n.r.) moderiert von Vivien Buchhorn, mit Anne Döring, Ole Kampovski, Hanna Reifgerst und Helge Albers. Foto © Vanessa Melzer
Vivien Buchhorn:
Ja. Punkt. Das ist ein guter Punkt. Wir wollen nämlich weiterreden. Das hier ist ein Impuls zum Gespräch – auch mit euch –, das jetzt beim Essen und bei den Gesprächen nachher weitergeht. Ich danke euch allen sehr für diese Zeit.
Du hast noch einmal den Film erwähnt, der gerade in Locarno lief. Man kann auch einmal sagen, dass Giona A. Nazzaro, der Leiter von Locarno, auf der Pressekonferenz steht und sagt: einer der aufregendsten Filme der Gegenwart – und der ist in St. Peter-Ording gedreht. Das finde ich einen schönen Abschluss.
Ich glaube, dass das, was du sagst, gerade auch im Hinblick auf diese Zeit wichtig ist: auf das zu schauen, was wir haben. Und wir haben einiges. Ich glaube, das sieht man auch an diesem Aufbruch, den wir mit Filmkultur SH zu vermitteln versuchen und den wir sehr, sehr ernst nehmen. Ich hoffe, dass das heute auch noch einmal deutlich geworden ist. Und wir nehmen es auch dahingehend ernst, das zu bündeln und Sichtbarkeit für euch alle zu schaffen – mit uns im Austausch und im Dialog. Ich glaube, gerade solche Runden wären auch toll, als runde Tische in einer gewissen Regelmäßigkeit, einfach weil man dann doch mehr versteht.
Ich danke euch, dass wir das jetzt hier weiterführen werden, und ich danke euch, dass ihr mit uns gesprochen habt. Schön, dass wir alle hier sind – und auf in den Aufbruch! Vielen Dank.
Vom Filmstandort zum Filmland Schleswig-Holstein – Ein Kommentar
Die Paneldiskussion beim Sommerfest der Filmbranche war eine erste Bestandsaufnahme zur Situaution des Filmstandortes SH, durchaus mit kritischem Nachhaken – etwa zur Frage, warum ein erheblicher Teil der Dreharbeiten für den Kieler „Tatort“ weiterhin in Hamburg stattfindet. Moderatorin Vivien Buchhorn verstand es, mit überlegten und präzisen Fragen wichtige Schlaglichter auf die Situation des Filmschaffens in Schleswig-Holstein zu werfen. Und die Gäste machten sich, wie zu Beginn der Diskussion gewünscht, tatsächlich „ehrlich“. Die Antworten waren offen, substanziell und auf den Punkt. Bei allen Beteiligten war das aufrichtige Interesse spürbar, die Bedingungen für das Filmschaffen im Land zu verbessern. Hanna Reifgerst und Anne Döring machten insbesondere deutlich, unter welchem Druck Festivals und Filmschaffende heute stehen und mit welchen strukturellen, finanziellen und bürokratischen Hindernissen sie zu kämpfen haben.
Im Mittelpunkt der Diskussion stand Schleswig-Holstein als Produktionsstandort. Die Diskussion betrachtete Film vor allem aus der Perspektive von Produktion, Förderung, Kinoauswertung, Sendern und Festivals. Das ist angesichts des zeitlichen Rahmens eines Panels bei einem Sommerfest auch nachvollziehbar und die Gäste waren auf diesen Themenkatalog passend abgestimmt. Gerade die Konzentration auf konkrete Probleme und Entwicklungsmöglichkeiten machte das Gespräch ergiebig. Man darf diese erste Bestandsaufnahme deshalb gerne als Startschuss für weitere, ebenso offene und durchaus kontroverse Diskussionen über den Filmstandort und das professionelle Filmschaffen in Schleswig-Holstein verstehen und erhoffen.
Doch ein Filmstandort ist noch nicht zwangsläufig ein Filmland. Wer Schleswig-Holstein als „Filmland SH“ begreifen und weiterentwickeln möchte, muss den Blick über die professionelle Filmproduktion und ihre wirtschaftlichen Verwertungsperspektiven hinaus erweitern. Zu einer lebendigen Filmkultur gehören ebenso das filmische Erbe des Landes und seine Bewahrung in Archiven, die Erforschung und Vermittlung regionaler Filmgeschichte, kommunale und alternative Spielstätten, Filmclubs und kuratierte Filmprogramme. Dazu gehören freie und unabhängig arbeitende Filmschaffende, die mit kleinen Budgets und jenseits etablierter Produktionsstrukturen ihre Projekte realisieren, ebenso wie Amateurfilm, experimentelle und künstlerische Filmformen, Nachwuchsarbeit und audiovisuelle Projekte, deren kultureller Wert sich nicht an Besucherzahlen, Einschaltquoten oder kommerziellen Auswertungschancen bemessen lässt. Diese Aspekte eines Filmlandes sind in Schleswig-Holstein mindestens zum Teil sehr vernachlässigt.
Nicht weniger wichtig sind Filmbildung und Filmvermittlung, eine lebendige Filmkritik und publizistische Öffentlichkeit, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Medium – und nicht zuletzt ein neugieriges Publikum, das Zugang zu einer möglichst großen Vielfalt filmischer Ausdrucksformen erhält. Gerade in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein stellt sich zudem die Frage, wie Filmkultur auch jenseits der größeren Städte dauerhaft verankert werden kann.
Viele dieser Aktivitäten und Strukturen existieren bereits, häufig getragen von großem persönlichem und ehrenamtlichem Engagement. Auch neue Ansätze und Vorschläge zu einigen der Aspekte gab es in der jüngeren Vergangenheit, sie brauchen aber nachhaltige und konsequente Unterstützung. Denn sie werden bislang nicht immer als Teile eines gemeinsamen filmkulturellen Ökosystems wahrgenommen. Eine umfassende Vorstellung vom „Filmland SH“ müsste sie stärker sichtbar machen, miteinander vernetzen und kulturpolitisch ebenso ernst nehmen wie die professionelle Filmwirtschaft.
Der von Helge Albers ins Gespräch gebrachte Begriff des „Boutique-Standorts“ bietet eine interessante Perspektive für die wirtschaftliche Entwicklung des Filmstandorts Schleswig-Holstein: nicht Größe und Produktionsmasse, sondern ein eigenständiges Profil, Spezialisierung und die besonderen Stärken des Landes sollen den Ausschlag geben. Filmkultur SH e. V. greift diesen Ansatz auf und will gemeinsam mit den Filmschaffenden bzw. der Filmcommunity am 17. November in Flensburg im Rahmen der Arbeitstagung „CineConnect.SH“ ein Strategiepapier für die Entwicklung des Filmstandortes erarbeiten.
Als Leitbild für ein Filmland greift dieser Ansatz allein jedoch zu kurz. Denn ein Filmland definiert sich nicht nur darüber, welche Bedingungen es Filmproduktionen bietet, sondern auch darüber, welchen Stellenwert Film als Kunstform, kulturelles Gedächtnis und gesellschaftliches Ausdrucksmittel besitzt. Vielleicht muss Schleswig-Holstein deshalb nicht nur mehr Filmstandort werden, um mehr Filmland zu sein. Es muss vor allem dem Film in seiner ganzen Vielfalt mehr Raum geben. (dakro)