Titelbild: Plakat-Artwork für „Martin Scorcese – Telling Stories“, gestaltet von Jona Hecht

 

Von „Mean Streets“ über „Taxi Driver“, „Goodfellas“ und „Casino“ bis zu „The Wolf of Wall Street“: Das Kommunale Kino Kiel zeigt von Oktober 2026 bis Februar 2027 elf Filme von Martin Scorsese. Ergänzt wird die Retrospektive „Telling Stories“ durch John Fords „The Searchers“ und Michael Powell und Emeric Pressburgers „The Red Shoes“ – zwei Schlüsselwerke der Filmgeschichte, die Scorseses eigenes Kino nachhaltig geprägt haben.

Kaum ein Regisseur des amerikanischen Kinos hat über einen so langen Zeitraum hinweg ein derart unverwechselbares Werk geschaffen wie Martin Scorsese. Seit mehr als fünf Jahrzehnten erzählt der 1942 geborene Filmemacher von Außenseitern und Aufsteigern, Gangstern und Künstlern, von Gewalt, Religion, Schuld und Erlösung – und immer wieder davon, wie Menschen ihre eigene Geschichte entwerfen und sich damit eine Identität schaffen.

Unter dem Titel „Martin Scorsese – Telling Stories“ widmet das Kino in der Pumpe – Kommunales Kino Kiel dem Regisseur vom 12. Oktober 2026 bis zum 8. Februar 2027 eine umfangreiche Filmreihe. Elf Spielfilme zeichnen dabei einen Bogen von „Mean Streets“ aus dem Jahr 1973 bis zu „The Wolf of Wall Street“ von 2013. Zwei Klassiker von John Ford sowie Michael Powell und Emeric Pressburger erweitern das Programm und machen sichtbar, wie intensiv Scorseses eigenes Kino mit der Filmgeschichte verbunden ist.

 

Von Little Italy in die Filmgeschichte

Einen Ausgangspunkt von Scorseses Kino bildet New York – und insbesondere Little Italy. Scorsese wuchs in jenem italoamerikanischen Milieu auf, das später zahlreiche seiner Filme prägen sollte. Wegen seines Asthmas verbrachte er als Kind viel Zeit in der Wohnung und beobachtete das Leben auf der Straße aus der Distanz. Vater und Bruder nahmen ihn früh mit ins Kino; später entdeckte er im Fernsehen den italienischen Neorealismus. Als er 1960 sein Studium an der New York University begann, verfügte er bereits über eine außergewöhnliche Kenntnis der Filmgeschichte.

Diese unterschiedlichen Einflüsse treffen in seinem Werk aufeinander: der beinahe dokumentarische Blick auf konkrete soziale Milieus und die expressive Bildsprache des klassischen Hollywoodkinos. Regisseure wie King Vidor, John Ford, Alfred Hitchcock sowie Michael Powell und Emeric Pressburger hinterließen deutliche Spuren. Hinzu kommen langjährige künstlerische Partnerschaften etwa mit Kameramann Michael Ballhaus, Editorin Thelma Schoonmaker oder Musiker Robbie Robertson.

„Telling Stories“ verweist dabei auf ein zentrales Motiv in Scorseses Werk: Seine Figuren erzählen sich selbst und anderen Geschichten darüber, wer sie sind oder sein wollen. Sie kommentieren ihr Leben aus dem Off, erfinden sich neu, konstruieren ihre eigene Biografie – und geraten immer wieder mit einer Wirklichkeit in Konflikt, die sich diesen Erzählungen widersetzt. Dieses Prinzip reicht vom Kleingangster Charlie in „Mean Streets“ über den Möchtegern-Komiker Rupert Pupkin in „The King of Comedy“ und Henry Hill in „Goodfellas“ bis zum Börsenmakler Jordan Belfort in „The Wolf of Wall Street“.

Zugleich erzählt Scorsese immer wieder amerikanische Geschichte: von Migration und gesellschaftlichem Aufstieg, von Religion und organisierter Kriminalität, von Arbeit und Kapital, Popkultur, Gewalt und den Mythen des amerikanischen Traums.

 

Elf Filme aus vier Jahrzehnten

Den Auftakt macht am 12. Oktober „Mean Streets“ (1973), Scorseses frühes Schlüsselwerk über das Leben junger Italoamerikaner in Little Italy. Harvey Keitel spielt Charlie, der zwischen katholischem Glauben, Mafia-Verpflichtungen und seiner Loyalität zum unberechenbaren Johnny Boy – Robert De Niro in einer seiner frühen großen Rollen – seinen Weg sucht.

Es folgt „Taxi Driver“ (1976), Scorseses und Drehbuchautor Paul Schraders düsteres Porträt des Vietnamveteranen Travis Bickle, der als nächtlicher Taxifahrer zunehmend in Isolation, Obsession und Gewalt abgleitet. Der Film ist zugleich eng mit John Fords Westernklassiker „The Searchers“ verbunden: Travis Bickle lässt sich als moderne urbane Variante von John Waynes Ethan Edwards lesen.

Mit „New York, New York“ (1977) folgt Scorseses stilisierte Liebeserklärung an das klassische Hollywood-Musical und die Big-Band-Ära. Robert De Niro und Liza Minnelli spielen ein Musikerpaar, dessen gemeinsame Karriere zunehmend mit seiner Beziehung kollidiert. „Raging Bull“ (1980) erzählt anschließend in eindringlichen Schwarz-Weiß-Bildern vom Boxer Jake LaMotta – einem Mann, dessen Fähigkeit zur Gewalt im Ring seinen Aufstieg ermöglicht und außerhalb des Rings sein Leben zerstört.

In „The King of Comedy“ (1982) zeigt Scorsese eine ganz andere Seite seines Kinos: Robert De Niro spielt den erfolglosen Komiker Rupert Pupkin, dessen Traum vom Ruhm immer groteskere Formen annimmt. Der Film verbindet Komödie und Tragödie zu einer Geschichte über Selbstinszenierung, Berühmtheit und Realitätsverlust.

Mit „Goodfellas“ (1990) kehrt Scorsese zum italoamerikanischen Mafia-Milieu zurück. Der Film begleitet Henry Hill von seiner jugendlichen Begeisterung für die Gangster seiner Nachbarschaft bis zum Zusammenbruch einer Welt, deren vermeintlicher Glamour untrennbar mit Gewalt, Verrat und Paranoia verbunden ist.

„Cape Fear“ (1991) wiederum ist Scorseses Neuinterpretation des Thrillers von 1962: Robert De Niro spielt den aus der Haft entlassenen Max Cady, der sich an seinem früheren Pflichtverteidiger und dessen Familie rächen will. Scorsese greift dabei bewusst auf Bernard Herrmanns Musik des Originals zurück, neu arrangiert von Elmer Bernstein.

Dass Scorseses Kino keineswegs auf Gangsterstoffe beschränkt ist, demonstriert „The Age of Innocence“ (1993). Die Edith-Wharton-Verfilmung führt ins New York des 19. Jahrhunderts und erzählt von einer Gesellschaft, deren unausgesprochene Regeln kaum weniger rigide sind als die Ehrenkodizes der Mafia. Daniel Day-Lewis, Michelle Pfeiffer und Winona Ryder spielen die Hauptrollen; für die Bildgestaltung arbeitete Scorsese erneut mit Michael Ballhaus zusammen.

„Casino“ (1995) führt Robert De Niro und Joe Pesci nach Las Vegas. Die Geschichte um den Glücksspieler Sam „Ace“ Rothstein zeigt eine Welt, in der die traditionellen Regeln des organisierten Verbrechens zunehmend einer von Geld und Konkurrenz bestimmten Ordnung weichen.

Mit „Shutter Island“ (2010) springt die Reihe in Scorseses spätere Schaffensphase. Leonardo DiCaprio spielt einen US-Marshal, der 1954 das Verschwinden einer Patientin aus einer psychiatrischen Gefängniseinrichtung untersucht – und zunehmend an der Zuverlässigkeit seiner eigenen Wahrnehmung zweifelt.

Den Abschluss bildet am 8. Februar 2027 „The Wolf of Wall Street“ (2013). Scorseses dreistündige, auf der Autobiografie Jordan Belforts basierende Geschichte über Aufstieg und Fall eines Börsenmaklers wird dabei zur bitteren Analyse eines amerikanischen Traums, der Profit und persönlichen Erfolg über nahezu alles andere stellt.

 

Spurensuche: Scorsese und die Filmgeschichte

Scorsese ist nicht nur Regisseur, sondern seit Jahrzehnten einer der engagiertesten Fürsprecher für die Bewahrung des internationalen Filmerbes. Die von ihm mitbegründete Film Foundation widmet sich der Restaurierung und Wiederentdeckung gefährdeter und vergessener Filme. Zugleich ist sein eigenes Werk voller Verweise auf die amerikanische und europäische Filmgeschichte.

Die Kieler Reihe macht diese Verbindung mit zwei zusätzlichen Filmen sichtbar: John Fords „The Searchers“ (1956) und Michael Powell und Emeric Pressburgers „The Red Shoes“ (1948).

„The Searchers“ gehört zu den Filmen, auf die Scorsese im Laufe seiner Karriere immer wieder zurückgegriffen hat – von „Who’s That Knocking at My Door“ und „Mean Streets“ bis zu „The Irishman“. Besonders deutlich ist die Verbindung zu „Taxi Driver“: Sowohl Ethan Edwards als auch Travis Bickle sind Kriegsveteranen und von Gewalt geprägte Außenseiter auf der Suche nach einem Weg zurück in die Gesellschaft.

„The Red Shoes“ wiederum steht für Scorseses tiefe Verbundenheit mit dem europäischen Kino und insbesondere dem Werk von Michael Powell und Emeric Pressburger. Das bildgewaltige Drama um eine Tänzerin, die zwischen Kunst und privatem Glück wählen muss, kreist um die existenzielle Bedeutung künstlerischer Arbeit – ein Thema, das auch für Scorseses eigenes Selbstverständnis als Filmemacher von Bedeutung ist. Einen persönlichen Bezug gibt es ebenfalls: Scorseses langjährige Editorin Thelma Schoonmaker heiratete 1984 Michael Powell, nachdem Scorsese die beiden miteinander bekannt gemacht hatte.

 

Time-Table: „Martin Scorsese – Telling Stories“

Montag, 12. Oktober 2026, 20:00 Uhr
MEAN STREETS – Martin Scorsese, USA 1973, 110 Min., OmU
Ein junger Italoamerikaner gerät in Little Italy zwischen katholischen Glauben, Mafia und die Loyalität zu seinem unberechenbaren Freund Johnny Boy.

Dienstag, 27. Oktober 2026, 20:00 Uhr
TAXI DRIVER – Martin Scorsese, USA 1976, 114 Min., OF mit engl. UT
Ein vereinsamter Vietnamveteran fährt nachts Taxi durch New York und verliert sich zunehmend in Gewaltfantasien und einer selbst geschaffenen Mission.

Montag, 2. November 2026, 20:15 Uhr
THE SEARCHERS – John Ford, USA 1956, 119 Min., OV
Ein traumatisierter Bürgerkriegsveteran sucht jahrelang nach seiner von Comanchen entführten Nichte – ein Schlüsselwerk für Scorseses Kino.

Sonntag, 8. November 2026, 19:00 Uhr
NEW YORK, NEW YORK – Martin Scorsese, USA 1977, 137 Min., OV
Liza Minnelli und Robert De Niro als Musikerpaar zwischen Liebe, Karriere und den Traumwelten des klassischen Hollywood.

Donnerstag, 12. November 2026, 20:00 Uhr
THE RED SHOES – Michael Powell & Emeric Pressburger, UK 1948, 134 Min., OV
Eine Tänzerin gerät zwischen künstlerische Berufung und privates Glück – ein für Scorsese prägendes Meisterwerk über die Hingabe an die Kunst.

Sonntag, 15. November 2026, 19:00 Uhr
RAGING BULL – Martin Scorsese, USA 1980, 129 Min., OV
Robert De Niro als Boxer Jake LaMotta, dessen Gewalt ihn im Ring nach oben und im Privatleben in den Abgrund führt.

Montag, 7. Dezember 2026, 20:00 Uhr
THE KING OF COMEDY – Martin Scorsese, USA 1982, 109 Min., OV
Ein erfolgloser Komiker will um jeden Preis berühmt werden – eine tragikomische Studie über Ruhm, Obsession und Selbsttäuschung.

Sonntag, 13. Dezember 2026, 19:00 Uhr
GOODFELLAS – Martin Scorsese, USA 1990, 146 Min., OV
Aufstieg und Fall des Henry Hill in einer Mafiawelt, deren vermeintlicher Glamour sich zunehmend als Gewalt, Angst und Verrat entpuppt.

Mittwoch, 16. Dezember 2026, 20:00 Uhr
CAPE FEAR – Martin Scorsese, USA 1991, 128 Min., OV
Ein entlassener Vergewaltiger terrorisiert den Anwalt, den er für seine langjährige Haft verantwortlich macht.

Dienstag, 12. Januar 2027, 19:00 Uhr
THE AGE OF INNOCENCE – Martin Scorsese, USA 1993, 140 Min., OV
Liebe und gesellschaftliche Konventionen im New York des 19. Jahrhunderts – mit Daniel Day-Lewis, Michelle Pfeiffer und Winona Ryder.

Sonntag, 17. Januar 2027, 19:00 Uhr
CASINO – Martin Scorsese, USA 1995, 178 Min., OV
Robert De Niro und Joe Pesci in Scorseses opulentem Porträt von Mafia, Glücksspiel und Macht im Las Vegas der 1970er-Jahre.

Mittwoch, 27. Januar 2027, 20:00 Uhr
SHUTTER ISLAND – Martin Scorsese, USA 2010, 138 Min., OmU
Ein US-Marshal untersucht das Verschwinden einer Patientin auf einer Gefängnisinsel – und gerät in ein Labyrinth aus Trauma und Wahrnehmung.

Montag, 8. Februar 2027, 19:00 Uhr
THE WOLF OF WALL STREET – Martin Scorsese, USA 2013, 180 Min., OmU
Leonardo DiCaprio als Börsenmakler Jordan Belfort in Scorseses exzessiver Auseinandersetzung mit Gier und amerikanischem Erfolgsdenken.

 

Cover Programmheft-Martin-Scorcese

Ausführliche Informationen finden sich im Programmheft der Filmreihe „Martin Scorcese – Telling Stories“.
Die Texte des Programmhefts stammen von Eckhard Pabst und David Schepers; die Recherche zu Filmrechten und Kopien übernahm David Schepers, die Gestaltung Eckhard Pabst. Die Plakatgrafik wurde von Jona Hecht entworfen. 

Martin Scorsese – Telling Stories
12. Oktober 2026 bis 8. Februar 2027
Kino in der Pumpe – Kommunales Kino Kiel
Haßstraße 22, 24103 Kiel
Eintritt: 9 Euro

 

(Basierend auf den Programminformationen des Kinos in der Pumpe)

 

Cookie Consent mit Real Cookie Banner