Titelfoto: Bernd-Günther Nahm über den Ort des Gesprächs: den ehemaligen Schnittraum der Filmwerkstatt in der Kieler Pumpe, inzwischen Zimmerstudio genannt: „Das ist momentan eine Baustelle. Und eine Baustelle ist ja eigentlich für diese Filmförderung, Filmwerkstatt, Filmproduktion etwas ganz Naheliegendes, Passendes. Insofern finde ich die Umgebung für dieses Gespräch sehr angenehm.“ (Foto: Helmut Schulzeck)

 

Ein Gespräch mit dem ehemaligen Leiter der Filmwerkstatt der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein, Bernd-Günther Nahm

 

infomedia.sh: Wir treffen uns hier anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von infomedia.sh und seines Newsletters. infomedia.sh gehört zum Verein Filmkultur Schleswig-Holstein e.V. und ist hervorgegangen aus dem Filmbrief. Letzterer wiederum war ein Publikationsorgan der ehemaligen Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein e.V., heute Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.
Zum Verständnis müssen wir die Anfänge und die Historie ein bisschen beleuchten. Was war die Kulturelle Filmförderung Schleswig-Holstein?

Bernd-Günther Nahm: Es gab in Schleswig-Holstein, wie in anderen Ecken der Republik, Leute, die haben Film gemacht, haben Filme produziert, auf unterschiedlichem Niveau. Schleswig-Holstein war für Filmemacher eher eine Diaspora. Das Zentrum für Film war um die Ecke ganz klar Hamburg.
Hamburger Filmschaffende hatten als eine selbstverwaltende Filmförderung mit dem Hamburger Filmbüro e.V. gestartet, um 1980 herum. Hier in Schleswig-Holstein hat man Ende der 1980er Jahre versucht, auch so etwas in Gang zu setzen. Film als Kulturgut sollte in der Umsetzung unterstützt werden, um – sag’ ich mal – dem Land, den Menschen hier auch auf diesem Wege eine Sichtbarkeit zu verleihen und um den Filmschaffenden die Möglichkeit in die Hand zu geben, qualifiziert zu produzieren, um auch am nationalen oder vielleicht sogar internationalen Wettbewerb teilzunehmen.
Diese Initiative durchlief einen längeren Prozess, der hauptsächlich zwischen den rivalisierenden Städten Kiel und Lübeck im Land geführt wurde. Der dann 1989 im Grunde seine Einigung gefunden hat in der Form, dass man in Lübeck das Filmbüro eingerichtet hat, als Verwaltungszentrale, wenn man so will, für die Kulturelle Filmförderung Schleswig-Holstein und hier in Kiel die Filmwerkstatt als Produktionsstätte.
Die Idee für eine Filmwerkstatt ging zurück auf ein Konzept, eine Initiative von Kurt Denzer, der immer gesagt hat, wenn man – damals waren wir noch in der analogen Zeit – Filmgeräte leihen wolle, dann müsse man nach Hamburg fahren. Es gebe hier keine Infrastruktur für eine anspruchsvolle, professionelle Filmproduktion. Und wir sollten doch so einen Ort dafür einrichten, und das sollte die Filmwerkstatt sein. Da hat mich dann der Vorstand des gerade gegründeten Vereins gefragt, beauftragt, dieses Modell umzusetzen und die Filmwerkstatt hier in Kiel aufzubauen.

Wir waren damals in Räumen der Stadtbildstelle in der Muhliusstraße untergekommen und haben dann die Filmwerkstatt sukzessive aufgebaut. Ende 1989 habe ich angefangen. Das war erstmal so ein Ein-Mann-Betrieb. Es kamen aber relativ schnell auch andere Leute dazu.
Wenn wir jetzt hier im so genannten Zimmerstudio [Anm. 1] von Kai Zimmer in der Pumpe sitzen, dann erinnere ich mich an Kai Zimmer. Er war einer der Frühen, der aus anderen Filmzusammenhängen in der Stadt zu uns gekommen ist. Er hat dann auch die technischen Möglichkeiten, die ich nach und nach einrichten konnte, genutzt und mit eingerichtet. Als Gegenleistung hat er dann für mich Vertretung gemacht, wenn ich Urlaub hatte oder aus anderen Gründen nicht da sein konnte. Er hat das Projekt Filmwerkstatt unterstützt und so in einem kleinen Tauschgeschäft dafür die Arbeitsplätze nutzen können.

Die Idee hinter der Filmwerkstatt war ja erst einmal, einen Technikpool bereit zu stellen, damit Filmschaffende in ihren ersten Schritten, wo sie auch wenig Finanzierung hatten, auf diese Technik günstig zugreifen konnten. Denn es gab es nur kleine Gerätemieten.
Auf der anderen Seite war es mir mindestens genauso wichtig, neben diesen Pool ein Netzwerk aufzubauen. Denn Film ist Teamarbeit, eine Person allein kann das nur in den seltensten Fällen machen. Also muss man andere Leute treffen, muss sich kennen lernen, muss sich austauschen und so weiter.
Den Pool-Gedanken, ich glaube, heute würde man „Hub“ sagen oder „Accelerator“ oder wie auch immer man das benennen würde, diesen Gedanken haben wir ganz intensiv verfolgt. Das klappte. Also die Filmwerkstatt ist größer geworden. Es sind Leute dazu gekommen, und es gab ja, vielleicht noch einmal einen Bogen zurück, es gab schon andere Strukturen im Lande.

Wir haben nicht im luftleeren Raum angefangen. Ein ganz wichtiger Träger, gerade auch im Nachwuchsbereich, war die LAG Jugend und Film auf dem Schersberg. Dann gab es so Schulen wie in Meldorf, wo Lars Jessen mit einer Video AG groß geworden ist. Es gab also schon ein paar filmkreative Ecken im Land.
Es gab die Film AG im Studentenwerk SH an der Uni, wo praktische Filmarbeit geleistet wurde. Und aus all diesen Quellen haben wir dann auch Leute aufgenommen, die da ihre Vorerfahrungen gemacht hatten, und haben versucht, sie weiter zu professionalisieren, zu unterstützen. Zum einen gab es die finanziellen Fördermittel, die leider häufig schwankten, und die damals in Lübeck verwaltet wurden, zum anderen die praktische Begleitung mit technischer Hilfe und Beratung sowie Seminaren hier in der Filmwerkstatt.
Was damals auch stattfand, war ja, dass sich eine Community gebildet hatte, die es schon versprengt gab und die wir hier über die Filmwerkstatt weiter fokussieren konnten.

Bernd-Günther Nahm beim Interview über infomedia.sh (Foto: Helmut Schulzeck)

Also mussten auch Kommunikationsmittel her, um diese Gemeinschaft zu pflegen und Informationen zu verteilen. Und da gab es zuerst den Filmbrief, der in Lübeck von Jan Hammerich für den Verein herausgegeben wurde. Dann wurden Ende der 1990er Jahre aus verschiedenen Gründen das Filmbüro in Lübeck und die Filmwerkstatt in Kiel zusammen gelegt – in Kiel. Den Filmbrief gab es dann nicht mehr.
Zu der Zeit war Christoph Corves im Vorstand sehr aktiv. Er hat auf die neuen Möglichkeiten gesetzt. Es gab eine Ausschreibung, um diesen Filmbrief zu digital zu machen.
Es entstand dann infomedia-sh.de, heute infomedia.sh. Das war natürlich schon eine viel direktere und schnellere Möglichkeit, viele Leute und Filminstitutionen nicht nur in Schleswig-Holstein zu erreichen. Ziel war zum einen, den inneren Zusammenhalt zu stärken, also Informationen in diesem Kreis, in diesem Pool zirkulieren zu lassen, alle informiert zu halten.
Aber andererseits war es natürlich auch ein Mittel, um die Sichtbarkeit dieser Arbeit und was der Verein gemacht hat, nach außen zu erhöhen. Und das zeigt sich ja bei der Zahl der Nutzer, ich weiß gar nicht genau, jetzt sind es inzwischen so 700 bis 800 Abonnenten.
Aber auf jeden Fall eine deutlich größere Zahl als die Anzahl der reinen Filmschaffenden im Lande, darunter eben auch eine Vielzahl von denjenigen, die nicht Filme machen, sondern Institutionen, Kulturträger, Kulturschaffende usw. sind. Diese Sichtbarkeit, das war, glaube ich, ein sehr wichtiges Instrument bei der Politik und in der Szene.

Es gab einen Vorläufer mit diesem Gedanken der Sichtbarkeit. Das war das Filmfest Augenweide, das hier 1993 aus dem gleichen Grund entstanden ist. Wir machen etwas, wir bekommen öffentliches Geld dazu und dann versuchen wir natürlich auch, die Öffentlichkeit, die Politik zu informieren, was mit diesem Geld geschieht und was dabei herauskommt, dass das nicht irgendwie verlorenes Geld ist.
Das haben wir über das Filmfest Augenweide gemacht, das dann hier in Kiel, eben nah an der Landespolitik, informiert hat. Das wurde dann später ergänzend durch infomedia unterstützt; es wurde berichtet welche Produktionen laufen, wer mit wem gerade wo dreht, welche Festival-Teilnahmen es gab und, und, und … Also diese Kommunikation von innen nach außen, aber gleichzeitig nach innen im Verein etwas sichtbar zu machen.
Das waren die beiden großen Anliegen und Zielsetzungen. Was wir damals alle gehofft haben, was sich in dem Sinne nicht so eingestellt hat, ist die Annahme, es würden sich mehr Leute, Filmschaffende an infomedia durch Beiträge beteiligen. Das war aber nicht so.
Das klassische Verhalten – und das hat sich ja auch in der Filmwerkstatt gezeigt – war: Die Leute sind gekommen, wenn sie ein Projekt hatten, wenn sie Unterstützung und Rat brauchten, wenn sie irgendwie auf Verbindungen zugreifen wollten, die sie hier über die Filmwerkstatt bekommen konnten. Wenn sie dann ihr Projekt gemacht hatten, waren sie weg. Da hat man auch nichts wieder von ihnen gehört.

Und dann irgendwann, kamen sie wieder für ein neues Projekt. Und die Idee, dass die dann vielleicht ja auch Beiträge für infomedia machen, hat sich nur sehr reduziert umgesetzt. Die Schreibenden waren hauptsächlich Jörg Meyer und Helmut Schulzeck (z.T. auch Gudrun Lübker-Suhre), das war es in der Regel eigentlich. Daniel Krönke kam später auch noch dazu, das geschah dann aber einige Jahre später.

infomedia.sh: Und wie siehst du das heute mit dem infomedia-Newsletter?

Bernd-Günther Nahm: Inzwischen ist ja noch etwas anderes gewachsen, darüber haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen: Aber es gibt ja noch eine andere Funktion, die für mich der Newsletter [Anm. 2] hat, die nicht so beim Start angelegt war. Er ist im Grunde das einzige zugängliche Archiv der Filmarbeit hier im Lande. Also wo ich mich über Berichte und Kritiken über neue hiesige Filme, über Premieren, über Veröffentlichungen, über Seminare, Festivals, Geschichtliches in Sachen Film und so weiter informieren kann, all das kann ich dort finden.
Es ist wirklich das filmgeschichtliche Archiv seit 2001 für Schleswig-Holstein. Und zum Teil noch mehr, weiter zurück, weil du [Helmut Schulzeck – Red.] ja auch die alten Filmbriefe, die vorher analog waren, digitalisiert hast und die auch darüber zugänglich sind.
Ich schaue in infomedia.sh und die Newsletter immer wieder rein. Der Newsletter deckt ein breites Spektrum ab, er kommt rum, er ist informativ. Er hat sich immer mal ein bisschen geändert in Form und Gestaltung. Aber ich finde, er ist nach wie vor absolut notwendig.

infomedia.sh: Hast du irgend etwas über die Einstellung der Vereinsvorstände gegenüber infomedia mitbekommen?

Bernd-Günther Nahm: Ich kann nur sagen, dass damals die Gründung vom Vorstand getragen wurde. Dann gab es nochmal zwischendurch Änderungen. Das muss Ende der Nullerjahre gewesen sein. Da wurden die Internet Präsenz bzw. Erscheinungsbild nochmal geändert und neu aufgesetzt. Da ist vom Verein wieder Geld reingegangen. Bestimmt nicht genug, um diese Arbeit entsprechend zu würdigen, aber immerhin. All das haben die Vorstände damals immer mitgetragen. Die mussten das ja auch entscheiden. Das war nicht meine Entscheidung als Geschäftsführer, sondern das war deren Entscheidung. Das hat eigentlich immer geklappt. Wie ich jetzt mitgekriegt habe, hat der Verein intern gerade turbulente Zeiten hinter sich. Aber der aktuelle Vorstand, so habe ich das jetzt zumindest aus der Distanz wahrgenommen, steht auch hinter diesem Modell von infomedia.sh, weil es ja immer noch ein adäquates Modell ist.
Die Frage ist vielleicht, wie bei vielen dieser Sachen, ob man die ganz jungen Menschen auf diesem Weg erreicht. Also muss man eine TikTok-Variante machen oder eine Instagram-Variante?

infomedia.sh: Es gibt ja dazu schon Ansätze. Aber das ist eben viel Arbeit …

Bernd-Günther Nahm: Ich gehöre auch nicht zu denen, die jetzt meinen, man muss jeden überall und so erreichen. Ich finde, wenn man sozusagen einen Pool von Leuten hat, die man erreichen kann, dann darf man auch darauf setzen, dass die bestimmte Dinge weitertragen.
„Infomedia.sh“ ist schon sehr authentisch, nahe am Geschehen. Das klappt auch nur, weil Leute das mit Engagement, Leidenschaft und Empathie betreiben. Es ist ein schmales, kleines, aber ein feines und mit hohem Niveau betriebenes Instrument der Kommunikation.

Das Gespräch führte Helmut Schulzeck.

Anmerkungen:

[1] Das Zimmerstudio wurde im Sommer 2020, unterstützt von Mitteln der Corona-Hilfe, von Kai Zimmer und Jörg Meyer im ehemaligen Schnittraum der Filmwerkstatt in der Pumpe eingerichtet, nachdem die Filmwerkstatt von der Pumpe in neue Büros in der Dänischen Straße umgezogen war. Ein AVID-Schnittplatz wurde von der Filmwerkstatt erworben. Kai Zimmer nutzte diesen für mehrere Filmschnitt-Arbeiten für Kieler Filmemacher*innen (u.a. Gudrun Wassermann). Ferner wurde der Raum in Zusammenarbeit mit Jörg Meyer für mehrere Ausstellungen genutzt. Für Details siehe www.zimmerstudio.de. Seit Anfang 2026 dient der Raum als Büro/Studio der Hauptmieter Daniel Krönke (exposed film), Sabine Krönke (Société Baroque – www.la-societe-baroque.de) und Jörg Meyer (Literaturtelefon Kiel – www.literaturtelefon-kiel.de).

[2] Anfangs enthielt die Website infomedia-sh.de (bzw. infomedia-sh.org) nur den Newsletter mit den einzelnen nach Rubriken geordneten Artikeln/Beiträgen, der monatlich zum 15. (später zum 1.) auf der Website erschien und per Mail an die Abonnent*innen verschickt wurde. Ab 2015 wurde die HTML-basierte Website auf ein eigens programmiertes CMS und später WordPress, also einen Blog umgestellt, so dass seither die Artikel schon am Tag ihrer Einstellung in den Blog auf der Website erscheinen. Der Newsletter ist heute also eine verlinkende Zusammenfassung der Artikel/Beiträge seit Erscheinen des vorangegangenen Newsletters. (Tages-}Aktuelle Artikel/Beiträge finden sich im Blog auf infomedia.sh und z.T. auch den Social-Media-Kanälen von infomedia. Ein (täglicher) Blick auf den Blog lohnt sich also. (jm)

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