Titelbild: Lübecker Drehbuchstipendiaten des dritten Jahrgangs: Laurens Pérol, Kristina Dreit und Felix Röben, © Hanna Lenz
Zwischen Hochspannung und Altlasten: Dritter Jahrgang des Lübecker Drehbuchstipendiums – Abschlusspräsentation im Dielenhaus
Lübeck, 18. September 2026. Am Donnerstag, 17. September 2026, ging für drei Filmtalente ein besonderes Jahr zu Ende: Im Lübecker Dielenhaus in der Fleischhauerstraße 79 fand die öffentliche Abschlusspräsentation des Lübecker Drehbuchstipendiums statt.
Wie entsteht aus einer ersten Idee ein Filmprojekt? Welche Recherchen, Gespräche und Erfahrungen fließen in eine Geschichte ein, bevor die erste Szene geschrieben wird? Antworten darauf gaben die Stipendiat:innen des Lübecker Drehbuchstipendiums bei ihrer finalen Präsentation. Vor zahlreichen Zuhörer:innen berichteten sie von ihrer Arbeit, einem Jahr intensiver Recherche, künstlerischer Weiterentwicklung und dem Austausch mit Expert:innen sowie der Lübecker Stadtgesellschaft.
Das von den Nordischen Filmtagen Lübeck seit 2023 vergebene – und in Deutschland in seiner Form einzigartige – Drehbuchstipendium unterstützt jedes Jahr Filmschaffende dabei, neue Stoffe zu entwickeln. Eines der beiden Stipendien richtet sich an Autor:innen mit einem bereits verfilmten Langfilmdrehbuch, das zweite an Bewerber:innen mit einem biografischen Bezug zu Lübeck. Begleitet wird das Stipendium von Projektleiter Martin Rehbock. Förderer ist die Possehl-Stiftung.
Die Projekte des dritten Jahrgangs sind thematisch hochaktuell und relevant, und doch könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Während Laurens Pérol einen psychologischen Thriller über die Fragilität moderner Gesellschaften entwickelt, widmen sich Felix Röben und Kristina Dreit in einer immersiven Videoinstallation den ökologischen Veränderungen der Lübecker Bucht.
„Das Jahr hat unsere Erwartungen weit übertroffen, wir hatten einzigartige Möglichkeiten, uns unserer Idee anzunähern“, sagt Drehbuchstipendiat Felix Röben. „Durch die Unterstützung verschiedener Expert:innen konnten wir unser Projekt entscheidend voranbringen. Ein Highlight waren Unterwasseraufnahmen.“ Drehbuchstipendiatin und Team-Kollegin Kristina Dreit: „Wir konnten sehr viel experimentieren, vor allem technisch, und sehr viele Probeaufnahmen machen, um unsere immersive Videoinstallation später umzusetzen.“
Laurens Pérol: „Das Stipendium hat mir einen unglaublichen Freiraum für meine Recherchearbeit gegeben, dazu ökonomische Sicherheit und eine Sparringspartnerschaft, die einzigartig ist. Dadurch konnte ich an Schauplätze in Norwegen, Schweden, Ungarn und Österreich reisen. Auch meine Erfahrungen bei einem Praktikum bei den Stadtwerken Lübeck und die psychologische Beratung zum Thema Burnout durch ‚Die Brücke‘ fanden direkten Eingang in mein Drehbuch. Diese Möglichkeiten zu haben, war ein Geschenk.“
Gesellschaften unter Strom: Hochspannung zwischen Burnout und Blackout
Mit Electrified (Unter Strom) entwickelt Laurens Pérol einen Psychothriller über einen von ständigen Kriseneinsätzen überlasteten Hochspannungselektriker, der kurz vor dem Burnout steht und einen europaweiten Stromausfall auslöst. Im Mittelpunkt des Dramas steht weniger die Katastrophe als die Frage, wie lange Menschen und Systeme unter wachsendem Druck funktionieren. Lübeck spielt dabei als Nadelöhr der Energieversorgung eine Rolle: Im Umspannwerk Lübeck-Herrenwyk endet das Baltic Cable, eine von nur zwei direkten Hochspannungsverbindungen zwischen Deutschland und Skandinavien. Während des Stipendiums in Lübeck recherchierte Pérol daher intensiv unter anderem zur Energieinfrastruktur der Hansestadt und tauschte sich mit Expert:innen aus Wissenschaft, Energieversorgung und sozialen Einrichtungen aus. „Der Strom ist für mich eine Metapher für unsere Zeit – für Leistung, Druck und die Frage, wie viel Belastung ein Mensch aushalten kann“, so Pérol.
Lübecker Bucht als Ausgangspunkt einer poetischen audio-visuellen Erzählung
Mit deep blue screen entwickeln Felix Röben und Kristina Dreit eine immersive Videoinstallation, die persönliche Erinnerungen an die Lübecker Bucht mit aktuellen Entwicklungen verbindet. Ausgangspunkt sind die seit 2024 laufenden Bergungsarbeiten von Munitionsaltlasten vor der Küste. Die Installation verbindet historische Spuren der Landschaft mit Fragen nach Klimakrise, Erinnerung und Verantwortung. Während des Stipendiums flossen Gespräche mit Anwohner:innen, Wissenschaftler:innen und Umweltfachleuten unmittelbar in die Entwicklung des Projekts mit ein. „Die Idee für ,deep blue screen’ speist sich aus unserer geteilten Wahrnehmung und Erfahrung: Ein Gefühl von Nostalgie, Skepsis und gleichzeitiger Trauer über die Veränderung einer Landschaft, die eng mit unserer Kindheit und Jugend verbunden ist. Der Austausch mit Menschen, die wie wir mit dieser Landschaft aufgewachsen sind, ist ein zentraler Bestandteil unseres Projekts.“
Über die Stipendiat:innen:
Laurens Pérol ist Drehbuchautor und Regisseur und lebt in Deutschland, Norwegen und Österreich. Für sein Bachelorstudium in Moving Images am Nordland College of Art and Film zog er 2017 nach Norwegen. Sein Masterstudium in Filmregie schloss er 2023 an der Filmakademie Wien ab. Pérols Kurzfilme wurden auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt und ausgezeichnet. Mit seinem Spielfilmdebüt Üben, üben, üben (OT: Å Øve) gelang ihm der internationale Durchbruch: Der Film feierte seine Weltpremiere beim Norwegian International Film Festival, gewann bei der internationalen Premiere den Kritikerpreis der Internationalen Hofer Filmtage und anschließend den Debütfilmpreis der 65. Nordischen Filmtage Lübeck 2023. Daraus folgten mehr als 30 Festivals von New York bis Südkorea sowie Kinostarts in mehreren Ländern.
Felix Röben wuchs in Neustadt in Holstein auf und spielte bis zur U19 beim VfB Lübeck, bevor er Sozial- und Medienwissenschaften in Island sowie Film & Video Communication in Indien studierte. Seine essayistischen Arbeiten wurden auf internationalen Festivals wie dem International Documentary Film Festival Amsterdam (IDFA) gezeigt. Kristina Dreit stammt aus Eutin und arbeitet als interdisziplinäre Künstlerin und Forscherin an der Schnittstelle von Performance, Installation und Video. Ihre Arbeiten waren unter anderem in der Berlinischen Galerie, bei den Berliner Festspielen und in den Sophiensaelen zu sehen. Erste prägende Begegnungen mit dem Arthouse-Kino machte sie im Koki Lübeck.
Über das Lübecker Drehbuchstipendium:
Das Lübecker Drehbuchstipendium wird seit 2023 von den Nordischen Filmtagen Lübeck jährlich an zwei Projekte vergeben. Das erste gilt einem neuen, programmfüllenden fiktionalen Kinoprojekt, das zweite einer Idee für eine in Format und Plattform offene audiovisuelle Erzählung, etwa als VR-Experience, 360°-Fulldome-Produktion oder Serie. Während ihrer Residenzen in Lübeck entwickeln die Stipendiat:innen ihre Projekte durch Recherche, Austausch und Begegnungen in der Hansestadt weiter und stellen ihre Arbeit auch in öffentlichen Veranstaltungen vor.
(Nach einer Pressemitteilung der Nordischen Filmtage Lübeck)
Pressekontakt: Hansestadt Lübeck – Nordische Filmtage Lübeck, presse@nordische-filmtage.de