„Die Cousins“ (Rainer Ackermann, Christian Lehmann, Thomas Plenert, BRD und DDR 1988)
Der Einstieg von „Die Cousins“ zeigt eine größere Schar meist junger Menschen, die beinahe tänzerisch maschierend vor einer Blasmusikkapelle herlaufen, gefolgt von einem Lastkraftwagen. Die angehenden Kämpfer sind größtenteils recht locker uniformiert. Die Szenerie erinnert an einen improvisierten, fröhlichen Umzug. Männer wie Frauen haben Gewehre geschultert und recken lächelnd, teils lachend, aber voller Entschlossenheit die geballte Faust in die Luft. Dieses historische Symbol der Arbeiterbewegung, das als sozialistischer und antifaschistischer Gruß gerade auch in Spanien Berühmtheit erlangte, ist heute vielerorts fast schon in Vergessenheit geraten. Die schwarz-weißen Archivaufnahmen aus den 1930er-Jahren scheinen von jener anfangs fast naiven Unbekümmertheit und optimistischen Zuversicht zu erzählen, mit denen damals nicht nur Spanier, sondern Menschen aus ganz Europa und Nordamerika in den Bürgerkrieg gegen die putschenden Franco-Faschisten zogen.
Die Archivaufnahmen betten das Geschehen mühelos in seinen historischen Kontext ein. Begleitet wird dieser Beginn von einem Lied des katalanischen Liedermachers Lluís Llach, der für die gesamte Filmmusik verantwortlich zeichnet. In diesen geschichtlichen und atmosphärischen Rahmen fügt sich die Vorstellung der beiden Zeitzeugen und Cousins Viktor und Heinz Prieß ein. Beide blickten bereits auf ein Exil in Skandinavien zurück, als sie zusammen mit Viktors Bruder, Bruno Prieß, am Jahreswechsel 1936/37 in Spanien zu den Internationalen Brigaden stoßen. Fünfzig Jahre später treffen sich Viktor (79) und Heinz (74) noch einmal in Spanien, um sich, begleitet von einem Filmteam, an den alten Schauplätzen an das damalige Geschehen zu erinnern. Bruno ist in der Schlacht am Ebro ums Leben gekommen.
Der Film thematisiert in seinen Erinnerungen die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen der Cousins mit ihren Hoffnungen, Erfolgen und Niederlagen, eher anekdotisch und zusammenfassend, statt sie en detail und streng chronologisch nachzuzeichnen. Im Vordergrund stehen die persönlichen Geschichten, die die Schicksale der Protagonisten geprägt haben, und weniger die Rekonstruktion historischer Ereignisse – auch wenn sich die Zeitenläufe in eben diesen persönlichen Erzählungen widerspiegeln.
Nach der Gefangenschaft in einem französischen Internierungslager bewährt sich Heinz erfolgreich in der Resistance, wovon er nicht ohne Genugtuunng zu erzählen weiß. Nach dem Krieg ist er Redakteur der „Hamburger Volkszeitung“ und siedelt schließlich 1951 in die DDR über.
Viktor wird als treuer und folgsamer kommunistischer Parteigenosse nach einer Internierung in Nordafrika in der Sowjetunion zum Fallschirmspringer für die Endphase des Krieges ausgebildet. Er gerät aber dann in Zeiten stalinistischer Hysterie unverschuldet in Konflikt mit KPD und KPdSU und wird zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. Ein Trauma, das bis dato nicht überwunden scheint. Seit seiner vorzeitigen Entlassung 1956 lebt er wieder in seiner Heimatstadt Hamburg.

Die Cousins Heinz (l.) und Viktor Prieß 1987 (Foto: Thomas Plenert)
Anfangs eher als spröde empfunden, doch konsequent einer thematischen Logik folgend gibt sich Thomas Plenerts (Kamera) Bildsprache. Wir sehen die Orte des damaligen Geschehens oft in einem monotonen farbarmen Grau oder Dämmerungsblau. Statt bunter, sonniger Urlaubslandschaften und lebendiger Ortschaften erblickt die Kamera eher karge, ausgetrocknete Winterfelder. Dörfer und Städte geben sich meist menschenleer. Kahle Wände mit dicht verriegelten Fensterläden und verschlossenen Türen. Ungemütlicher Winterdunst frostet aus einem kalten Februar heraus. Man erlebt eine monochromatische Zeichnung einer iberischen Provinz, nicht selten wie in einem Roadmovie aus dem Auto heraus im Vorbeifahren gefilmt. Selbst als der Film nach Hamburg springt, wird der Hafen im Vorbeifahren nur in einer diesigen, nächtlichen Schummer-Atmosphäre gezeigt, die die Konturen verschwimmen lässt.
Der Film stellt der inhaltlichen Begleitumstände wegen wie auch in produktionstechnischer Hinsicht eine Besonderheit dar. Rückblickend scheinen sich 1988 (Produktionsjahr des Films) BRD und DDR langsam aber stetig anzunähern. Beide Zeitzeugen wohnten im geteilten Deutschland: Viktor in der BRD und Heinz in der DDR. Die Zeit war reif und das Thema sprach dafür, eine gesamt-deutsche Produktion zu wagen. So entstand aus beiderseitigen Interesse und enger Kooperation von Filmschaffenden aus beiden deutschen Staaten der erste gemeinsame, unabhängig produzierte „gesamtdeutsche“ Dokumentarfilm. Dieses außergewöhnliche Projekt fand gleichermaßen Unterstützung aus der Bundesrepublik und der DDR. Was bleibt, ist ein Stück Zeitgeschichte gleich in mehrfacher Hinsicht. (Helmut Schulzeck)
„Die Cousins“ (BRD/DDR 1988, 16 mm, Farbe, Magnetton, 90 min.)
Regie: Rainer Ackermann (DEFA), Christian Lehmann, Kamera: Thomas Plenert (DEFA), Originalton: Monika Hielscher, Schnitt: Viktoria Dietrich (DEFA), Musik: Lluis Llach, Produktionsleitung: Martin Schulz; Produktion: Igelfilm – medienvertrieb, Co-Produktion: Norddeutscher Rundfunk.
Gefördert vom Hamburger Filmbüro e.V., Filmbüro Nordrhein Westfalen e.V., Kuratorium Junger Deutscher Film. Prädikat: „wertvoll“. Hergestellt mit Unterstützung des VEB DEFA Studio für Dokumentarfilme, Berlin (DDR).
Der Film ist in Anwesenheit des Co-Regisseurs Christian Lehmann-Feddersen bei FilmFörde #91 am Mittwoch, 16. September 2026, 19 Uhr im KulturForum in der Stadtgalerie Kiel zu sehen.