Titelbild: 30. Filmfest Schleswig-Holstein – Artwork von Sarah Gorf-Roloff, Studio Ranokel
Für das 30. Filmfest Schleswig-Holstein (17. bis 21. März 2026) wurden sieben Filme für den Wettbewerb um den mit 2.000 Euro dotierten Gesa-Rautenberg-Preis nominiert. Darunter befinden sich drei Langfilme und zum ersten Mal vier mittellange Filme, was durch eine Erweiterung der Ausschreibung auf Filme ab 15 Minuten in dieser Festivalausgabe ermöglicht wurde.
Die Namensgeberin des Preises – Gesa Rautenberg – war 1989 Gründungsmitglied und später Vorsitzende der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein e.V. (jetzt Filmkultur SH e.V.) sowie Mitgründerin und dann langjährigen Leiterin des Kommunalen Kinos Kiel, dem Kino in der Pumpe. Die Kulturelle Filmförderung SH und das Kommunale Kino Kiel sind die Gründer des Filmfests Schleswig-Holstein und heute nach wie vor die Veranstalter des Festivals. Der Preis wird vom Verein Filmkultur SH und der Familie Rautenberg gestiftet. Eine Würdigung des Wirkens Gesa Rautenbergs findet sich auf den Seiten von Filmkultur SH.
Unter den Teilnehmer*innen des Wettbewerbs sind auch Preisträger*innen vorheriger Filmfest-SH-Ausgaben. So gewann Hilke Rönnfeldt 2024 mit „A Study Of Empathy“ den Publikumspreis des Kurzfilmwettbewerbs und Kathrin Seward & Ole Elfenkämper gewannen gemeinsam ebenfalls in 2024 den Gesa-Ratutenberg-Preis für „An Hour From The Middle Of Nowhere“.
Ein Überblick über die Wettbewerbsfilme zeigt, wie thematisch divers der Wettbewerb auch in diesem Jahr ausfällt. Die vier mittellangen Filme sind in einem Wettbewerbsblock zusammengefasst. Die Programm- und Filminformationen sowie Spielzeiten finden sich auf der Festival-Website.
„Duty Free“ (Hilke Rönnfeldt, D 2024)
Hilke Rönnfeldt schickt das Publikum in „Duty Free“ auf einen hochgradig ästhetisierten Endorphin-Rausch. Die Figuren koexistieren in einem schwimmenden Duty-Free-Shop. Außerhalb der Öffnungszeiten tanzen und tollen sie umher, leben freie Liebe aus und genießen die Freiheit ihres Kosmos, in dem übliche gesellschaftliche Konventionen ihren einvernehmlichen Lebensvorstellungen weichen. Das Zusammenspiel aus visueller Ästhetik, dem Darstellen von Körperlichkeit durch Tanz und ungewöhnlicher Soundgestaltung erschaffen hier eine spezielle Schönheit. „Duty Free“ funktioniert dann am besten, wenn es gelingt, sich auf dieses filmische Experiment einzulassen. Ob es gefällt oder nicht, spielt am Ende keine Rolle, das Publikum ist nach dem Film zweifellos um eine Erfahrung reicher. (th)
„Holler for Service“ (Ole Elfenkämper, Kathrin Seward, D 2025)
Der Dokumentarfilm „Holler for Service“ von Ole Elfenkämper und Kathrin Seward porträtiert eine Frau in ihrem kleinen Hardware Store (Baumarkt), der sich im Laufe des Films als regsamer Begegnungs- und Kommunikationsort bzw. als die zentrale Lebensader seiner ländlichen Umgebung entpuppt. Der Film erzählt so mit einer Gelassenheit das alltägliche Geschehen, die der Gelassenheit seiner Protagonistin in ihrem Arbeitsalltag entspricht. Gleichzeitig wird dadurch, dass der Film oft auf seinen gewählten Kamerapositionen verharrt und den Personen und ihrem Tun nicht hinterherhechelt, eine Diskretion gegenüber dem Geschehen bewahrt, die der respektvollen Haltung der Filmemacher*innen gegenüber ihrer porträtierten Person entspricht und zugleich das Subjektive im Erzählten unterstreicht. (hsch)
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„Keine Zeit“ (Jackie Gilles, D 2025)
Jackie Gilles adaptiert das mit dem Drehbuch-Preis Schleswig-Holstein ausgezeichnete Script aus der Feder von Jens-Uwe Bahr. Das Werk fokussiert die Überlastung des häuslichen Pflegesystems in Deutschland. Im Zentrum von „Keine Zeit“ steht der Mangel an Mitmenschlichkeit, der mit zunehmender Kapitalisierung und einer Unterwerfung der Pflege durch Gewinnmaximierung einher geht. Das Werk agiert wenig subtil, zielt auf Emotionalisierung ab, die durch den Einsatz von Musik intensiviert wird. Der Film macht auf ein wichtiges Thema aufmerksam, versucht ein Bewusstsein für das zu schaffen, was im Alltag auf der Strecke bleibt, und tut dies recht ordentlich. Ein Hang zum Melodramatischen verhindert allerdings, dass dieses Werk sein vollständiges Potenzial entfalten kann. (th)
„Lonig & Havendel“ (Claudia Tuyết Scheffel, D 2025)
Mit „Lonig & Havendel“ legt Claudia Tuyết Scheffel ihren Debüt-Langfilm und zugleich ihren Abschlussfilm an der HFBK Hamburg vor. Der Film feierte seine Uraufführung im Januar 2025 in der Wettbewerbssektion des Max-Ophüls-Preises in Saarbrücken. Nach diversen Festivalteilnahmen war er im September beim Filmfest Hamburg zu sehen und läuft nun im Wettbewerb um den Gesa-Rautenberg-Preis beim 30. Filmfest Schleswig-Holstein. Eine Auteur-Handschrift lässt sich bei Tuyết Scheffel bereits in Ansätzen erkennen: Schon in ihrem Kurzfilm „Wasser werden“ (Tan chảy thành nước, 2021) kombinierte die Regisseurin und Autorin alltägliche Beobachtungen mit einem Schuss magischen Realismus zu leicht schrägen, episodenhaften Geschichten. (dakro)
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„Meerjungmann“ (Malte Kreyer, D 2025)
Als Jugendfilm sticht „Meerjungmann“ aus den anderen nominierten Mittellangfilmen deutlich heraus. Regisseur Malte Kreyer inszeniert den inneren Konflikt seines Protagonisten David (Fiete de Wall) über die Begegnung mit dem Meerjungmann Azul (Tom Rickert), über den er am Strand stolpert. David sehnt sich danach, seine Leidenschaft für Punk Rock auszuleben und zur Musik seiner Lieblingsband „The Red Flags“ zu tanzen. Doch aus Angst davor, wie andere ihn sehen, versteckt er, was er wirklich möchte. Im Zentrum des Films steht ein Gespräch zwischen David und Azul, die sinnbildlich für zwei Welten stehen. Eine große Stärke des Werks ist darin begründet, dass im Dialog Raum für Pausen und Stille vorgesehen ist, so dass nicht nur die Figuren sondern auch das Publikum über das Gesagte reflektieren können. Am Ende steht die Frage: Darf man zulassen, dass andere definieren, wer man ist? (th)
„Paul Jannovski“ (Björn Beton Warns, D 2025)
Beginn mit einer Reenactment-Sequenz, in der sich Paul Jannovski auf seine Arbeit vorbereitet. Paul Jannovski war ein Superstar in der DDR und darüber hinaus. Er war die einzige „menschliche Kanonenkugel“ des Ostblocks. Doch eines Tages wagt er den größten Stunt seiner Karriere: Er beschließt, spektakulär aus der DDR zu fliehen, indem er sich über die Elbe in die BRD schießt. Björn Beton Warns erzählt die Geschichte eines idealistischen Träumers und jener Menschen, die Protagonist Jannovski bei seiner Flucht zurückgelassen hat. In emotionalen Momenten begegnet Jannovski Weggefährten aus seinem früheren Leben, unter anderem seiner damaligen Partnerin und einen Freund aus dem Wanderzirkus, mit dem er unterwegs war. Ein äußerst unterhaltsamer Film, der möglicherweise gar keine authentische Dokumentation ist. (th)
„Regen fiel auf nichts Neues“ (Steffen Goldkamp, D 2025)
Davids erster Arbeitsplatz nach der Entlassung aus dem Knast: Tellerwäscher, aber hier wird man nicht zum Millionär. Und flugs wird er vom Arbeitgeber – oder sollen wir sagen: Ausbeuter? – wieder entlassen, weil der Arbeitgeber/Ausbeuter nicht mit Vorbestraften arbeiten will. Eine soziale Aktualität, die der Filmemacher und HfBK-HH-Absolvent Steffen Goldkamp im luziden Wechsel zwischen Spiel- und Dokumentarfilm abbildet (Spielfilm) und zugleich kritisiert (Dokumentarfilm). (jm)
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