Das aktuelle Filmprogramm der Kieler Filmgruppe Chaos „Jeder ist verantwortlich“ über das Ex-RAF-Mitglied Lutz Taufer machte im Januar 2026 einen Sprung über die bundesdeutsche und wegen des Brexit auch über die EU-Grenze. Das britische „Angry Workers Kollektiv“ hatte Interesse an der filmischen Auseinandersetzung mit den deutschen Verhältnissen seit dem Zweiten Weltkrieg, dem Kalten Krieg, der 68er-Bewegung, den Berufsverboten, der Friedensbewegung, der Umweltbewegung und den militanten Kämpfen in Deutschland und darüber hinaus. Die Erfahrungen Lutz Taufers wollte man mit ihm diskutieren.
Doch der Besuch der Britischen Insel gestaltete sich ungewöhnlich hürdenreich. Die Tour wurde zwar von dem Verein „T. Willibald Adorno Stiftung“ [https://twadorno.de/verein/], der Gründungsorganisation der PARTEI (Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative) gesponsort, doch die Hürden waren politischer Natur. Groß-Britannien verlangt nach dem Brexit für die Einreise der europäischen Nachbarn Visa. Das war nicht nur nervig und teuer, die britischen Behörden wollten auch keinen Ex-Terroristen einreisen lassen. Wir waren gezwungen, die Diskussion mit Lutz Taufer mit Hilfe einer Online-Zuschaltung zu führen.
In London fand die Veranstaltung im türkischen „DNA Café“ im Stadtteil Hackney statt. Die Kelleretage beherbergt einen Veranstaltungssaal, in dem regelmäßig Filmscreenings mit meist politischen oder sozialen Themen stattfinden. Wir hatten eine volle Hütte. Das Publikum war neugierig und diskussionsfreudig. Das Interesse war cineastisch und politisch. Es war eine Premiere des Films „Jeder ist verantwortlich“ mit englischen Untertiteln. Der Film „funktionierte“, die Gedanken des Protagonisten Lutz Taufer nahmen die Zuschauer*innen mit und führten sie in eine emotionelle Debatte. Lutz Taufer ging auf die Fragen des Publikums ein, die seiner Meinung nach spannender als in Deutschland waren. Man merkte, dass viele der Zuschauer, teilweise als Migranten, ihre eigenen Kämpfe geführt haben und sie mit den Erfahrungen eines Deutschen aus einer kleinen bewaffneten Gruppe verglichen. Man zeigte sich besonders angetan von dem internationalistischen Geist, den man in seinen Erzählungen spürte. Ein Zuschauer sagte, es sei so unbefriedigend, sich einfach nur solidarisch zu zeigen mit den Menschen, die in einem anderen Land unterdrückt werden. Der Film habe gezeigt, dass der Kampf der Menschen im globalen Süden auch hier unterstützend geführt werden kann, statt nur Solidarität zu bekunden. Auf seine Einschätzung zur heutigen Zeit befragt, antwortete Lutz Taufer, wir lebten in keinem revolutionären Umbruch und müssten erst einmal reformistische Kämpfe führen und zu allererst die rechte Bedrohung zurückdrängen.
Im Publikum waren auch mehrere Filmemacher*innen. Einer beschäftigt sich in einem inszenierten Filmprojekt mit der RAF Mitte der 1980er Jahre. Eine Filmemacherin erzählte, ihre Eltern hätten mit Holger Meins zusammengearbeitet. Eine anwesende griechische Filmemacherin würde unseren Film gern in Athen zeigen.
Unser nächster Auftrittsort war Bristol, bekannt für seine Musikszene, für Banksy und für die Statue von dem Sklavenhändler Edward Colston, die 2020 (nach dem Tod von George Floyd) im Hafenbecken versenkt wurde. Der Veranstaltungsort war ein selbstverwaltetes Kulturzentrum in der „Peoples Republic Stokes Croft“, einem alternativen Viertel, das sich als „Volksrepublik“ vorstellt. Unser Publikum war kleiner als in London, doch wir hatten Zuschauer*innen u.a. aus Brasilien, Hamburg und Kiel. Diskutiert wurde über den politischen Klimawandel, den Rechtsruck, der im UK an Fahrt aufgenommen hat. Es gab Parallelen bei Veranstaltern hier und dort, die sich nicht mehr trauten, politisch Brisantes zu buchen. Berichtet wurde von der wachsenden Repression gegen Palästina-Proteste mit bereits 2.000 Festnahmen im vergangenen Jahr aufgrund des „Terrorism Act 2000“. Die Behandlung von Protestierenden als Terroristen und die Hungerstreiks der Inhaftierten schlugen den Bogen zu der im Film erzählten Geschichte.
Krisenzeiten. Dunkle, aber auch kreative Zeiten. Bristol erfindet raue Sounds für den Dancefloor. Wir brachten eine raue Bildsprache mit handentwickeltem 16mm-Filmmaterial und grobem Korn auf die Leinwand. (Karsten Weber)
(nach einem Produktionsbericht von Karsten Weber, Filmgruppe Chaos)


