“Visions du réel” bei Augenweide

Festivaldirektor Jean Perret stellte Filme aus dem Dokumentarfilmfestival in Nyon vor

“Visions du réel” lautete das Leitthema des internationalen Dokumentarfilmfestivals in Nyon am Genfer See. Am zweiten Tag des 6. Filmfests S.-H. – Augenweide erläuterte der Festivaldirektor Jean Perret aus Nyon in einem Gastvortrag zu den Erzählweisen des Dokumentarfilms die Verschiedenartigkeit des heutigen Dokumentarfilmschaffens und die Philosophie seines Festivals.

Ob Experimentalfilm, Autorenporträt, Essayfilm, sozialpolitisch engagiert oder postmodern fragmentarisch: Die Bandbreite der komplexen Möglichkeiten sprengt das traditionelle Konzept des Dokumentarfilms. “Cinéma réel” setzt sich ab vom alltäglichen Nachrichtenjournalismus, schafft sich Zeit und Raum.

Perrets Analyse und gleichermaßen Credo des anspruchsvollen Dokumentarfilms von heute lautet: “Die ethische Frage der Distanzierung zu anderen Gesichtern, anderen Geschichten, Imaginärem und unterschiedlichen Mythen ist wesentlich für das Abenteuer des ‘cinéma réel’. Die unabhängigen Filmemacher verspüren ein dringendes Bedürfnis nach Zeit, um ihre Vorhaben umzusetzen; darüber zu verfügen ist eine unabdingbare Notwendigkeit ihrer Arbeit. Diese bietet eine echte Alternative zur Masse beliebiger audiovisueller Produktionen mit ihren einfachen Regeln: schnell und kurz, gleichzeitig mit den Geschehnissen am Ort sein, die Tagesereignisse weltweit in Realzeit und mit schwindliger Unmittelbarkeit verfolgen. Dieses Blendwerk der Fernsehinformation verwechselt Reflex und Reflexion, Reaktion und Aktion. Das ‘cinéma réel’ jedoch versucht, schöpferische Distanz, authentische Nähe, Zeit zum Atemholen, bedeutungsvolles Gleichmaß zu schaffen.” (aus dem Vorwort zum Festivalkatalog 2002)

Plädiert für eine neue Art des Dokumentarfilms: Jean Perret (rechts), hier mit Gastgeber Bernd-Günther Nahm von der Kulturellen Filmförderung S.-H. (Foto: jm)

Im Anschluss an seinen Vortrag präsentierte Perret sechs Dokumentarfilme aus dem diesjährigen Festivalprogramm von Nyon, das Ende April zum achten Mal stattfand. Darunter der 48-minütige Film “The Silence Of Green”, mit welchem dem Österreicher Andreas Horvath eine elegisch anmutende Collage gelungen ist. Das millionenfache Abschlachten von Rindern und Schafen in North Yorkshire im Frühjahr des letzten Jahres als ohnmächtige und kopflos wirkende Radikallösung des britischen Landwirtschaftsministeriums gegen die Maul- und Klauenseuche wird fast provozierend anders “dokumentarisch aufgearbeitet” als man es z.B. von einer sozialkritischen Reportage kennt. Anstelle eines üblichen, sich hier geradezu aufdrängenden investigativen Dokumentarstils tritt ein stilles Requiem, das in lyrischen Naturbildern (S-8-Aufnahmen vom grünem Weideland, uralten Bäumen und immer wieder fast minutenlang Wolkenaufnahmen) eingebettet das grausame Drama befragt, ohne befriedigende Antworten zu finden. Fast von Ferne wird man Zeuge der radikalen, inhuman erscheinenden Massentötungen, hört aus dem Off den Chor der Berichte und hoffnungslosen Fragen der betroffenen Bauern und ist als Zuschauer erschüttert vom Ablauf und Ausmaß der von Menschenhand zu verantwortenden Katastrophe.

Der südafrikanische Film “A Miner’s Tale” von Nic Hofmeyr und Gabriel Mondlane erzählt die Geschichte eines Bergmannes aus Mozambique, der in Südafrika arbeitet und mit dem Problem zurechtkommen muss, seinen zwei Frauen gestehen zu müssen, dass er HIV-positiv ist. In ruhigen Bildern und Erzählton breiten die Filmemacher das Drama aus, indem sie das schmerzvolle Ereignis aus den verschiedenen Blickwinkeln der vier Hauptpersonen schildern: des Bergmannes, der beiden Frauen und des Sohnes. Ihre Lebenshaltungen sind tief in ihrem kulturellen und ökonomischen Hintergrund verankert. Die ländlichen Traditionen in dem Dorf in Mozambique (in das der Bergmann zurückkehrt), in dem AIDS die Gesellschaft noch nicht so entwurzelt hat, stehen im krassen Gegensatz zum Großstadtleben in Johannesburg. “A Miner’s Tale” handelt von den Folgen, die AIDS auf das Leben des einzelnen hat, und von den Auswirkungen auf unterschiedliche Gesellschaften, die die Zerstörungskraft von AIDS entweder einräumen oder leugnen.

Die Filme von Donigan Cummings kann man als kleine “Videosequenzen von Gestalten, denen das Leben zugesetzt hat” (Festivalkatalog), bezeichnen. Cummings rückt dabei seinen Protagonisten regelrecht “auf den Pelz” und beeinflusst so das von ihm porträtierte Milieu. Er provoziert und verfügt bisweilen über sie wie über Schauspieler. “Docu-Duster” hat Cummings’ eigenes Gesicht zum Thema, das sich im Nachspielen einer Westernszene in dramatischen Grimassen hin bis zur Fratze entäußert. In “Petit Jesus” schreit sein Hauptdarsteller, eine Flasche in der Hand, seine Einsamkeit hinaus und betet zu Jesus. Wieder rückt die Kamera dem Gesicht ganz nahe und mutet dem Zuschauer in grotesker Voyeursmanier zu, den Rotz aus der Nase des Weinenden ertragen zu müssen. Der elegische Gesang aus der Filmmusik von Enio Morricone (aus “Once Upon a Time”) irritiert dabei und erzeugt Distanz zum Leiden des Deklamierenden. (Helmut Schulzeck)