„Ein anderes Land“ (D 1998, 98 Min., Langzeitdokumentation von Fredo Wulf und Quinka Stoehr)
Heimat kann man auf vielfältige Weise verlieren (und wiedergewinnen). Migrant*innen suchen seit 2015 Hilfe, Chancen und eine neue Heimat in Deutschland. Nach anfänglicher „Willkommenskultur“ hat sich letztere zu Besorgnis erregenden Wahlsiegen der AfD mit deren völkischer Forderung nach „Remigration“ gewandelt. Viele Migrant*innen fühlen sich in Deutschland nicht mehr sicher. Ähnlich unsicher wie die Menschen in der ehemaligen DDR, die mit der Revolution 1989 und dem Systemwechsel 1990 sowohl Befreiung als auch Verlust nicht nur des Arbeitsplatzes, auch ihrer Identität und Geschichte und nicht zuletzt so etwas wie „Heimat“ erfahren haben. Die Langzeitdokumentation (1990 bis 1996) „Ein anderes Land“ porträtiert in sieben Geschichten Menschen, die diesem Transformationsprozess ausgesetzt waren, ein Stückchen Heimat zu bewahren oder sie gänzlich zu verlieren.
Strasburg, eine Kleinstadt in der Uckermark am südöstlichen Zipfel Mecklenburg-Vorpommerns kurz vor der Währungsunion: Die Regale der „Konsum Kaufhalle“ werden leergeräumt und mit West-Ware neu befüllt. In der örtlichen Kreissparkasse übernimmt der wie die neuen Versprechen aus dem Westen „importierte“ Sparkassenmitarbeiter Mogens Brattig die Leitung. Er steht vor einer Herkules-Aufgabe. An seiner Seite die Bankangestellte Carola Küchle. Im Metallwerk werden werden Lüfter für Wärmetauscher produziert. Meister und Metall-Gewerkschafter Siegfried Schmidt ahnt, wie schwer es werden wird, am kapitalistischen Markt zu bestehen. Siegfried Kroh, ehemaliger Leiter der Verkehrspolizei, will sich dem Kapitalismus anpassen und ein Autohaus eröffnen. Lagerist Jens Nitsche versucht sich in der Kapitalisierung seiner Kaninchen-Zucht. Die Buchhändlerin Ingried Giese müht sich um den Abverkauf ihrer Bestände, die keine*r mehr lesen will. Dass nun alles, was mal war, vorbei sein soll, mag sie nicht glauben, es sei ja „in unserer DDR niemandem schlecht gegangen“. Der 12-jährige Christhard „Chrissie“ Riedel war als Pastorensohn oft gehänselter Außenseiter in seiner Schulklasse. Jetzt sammelt er die verramschten Reliquien des alten Systems, DDR-Fahne, Lenin verherrlichende und darob ausgemistete Schulbücher, Pionier-Wimpel und Schallplatten mit Pionier-Liedern.
Sechstes Jahr der so genannten Wiedervereinigung. Es hat sich viel getan. Auf Arbeitsamt-Fluren sitzen sie in langen Reihen … Siegfried Schmidts gewerkschaftlicher Kampf gegen die Abwicklung seines Metallbau-Betriebs ist verloren. Siegfried Kroh dagegen wirkt schon ganz wie ein westlicher Kapitalist, obwohl sich sein Autohaus nicht so entwickelt hat, wie er es sich wünschte. „40 Jahre abzustreifen“, sei nicht ehrlich, aber „der Sozialismus habe eben verloren“. Mogens Brattig und Carola Küchle sind inzwischen ein Paar mit Kind und Kegel – seltener Fall einer funktionierenden Ost-West-Ehe mit Hausbauplanung.
Der anfangs jugendliche, später im Film herangewachsene Chrissie ist der eindringlichste, weil nachdenklichste Protagonist des Films. Von seinem Jugendzimmer, gefüllt mit DDR-Devotionalen, geht eine gerade Linie zum (mahnenden) Erinnerer. Geschichte darf nicht vergessen werden. Wer geschichtsvergessen ist, hat keine Zukunft. Chrissie: „Wenn jetzt ein neuer Umsturz käme, würden sie sich bestimmt auch wieder anpassen.“ Und so ist vielleicht Chrissies sanfte Melancholie des Erinnerns an ein nunmehr fremdes, untergegangenen Land eine der wichtigsten Botschaften des Films. Und kein Zufall, dass am Anfang wie am Ende des Films jeweils Einstellungen aus einem Stellwerk gezeigt werden, wo die Weichen gestellt werden …
Der Film von Fredo Wulf und Quinka Stoehr ruft von der Erzählweise (sensible Interviews) und Kamera-Ästhetik her manche Erinnerung wach an die weltweit umfangreichste Langzeitbeobachtung „Die Kinder von Golzow“ (20 Teile von 1961 bis 2007) von Barbara und Winfried Junge. Wie in diesem opus magnum über Menschen in der (DDR-)Kleinstadt Golzow vor und nach der Wende versucht auch „Ein anderes Land“ einen bewahrenden Blick auf eine verschwindende Vergangenheit, ohne jede (N-)ostalgie, auf die Zukunft gerichtet – auf ein Stückchen „Heimat“ in den Zeiten. (jm)
Filmografische Daten:
D 1998, Beta SP, 98 Min.
Regie: Fredo Wulf und Quinka Stoehr
Kamera: Quinka Stoehr, Gisela Tuchtenhagen
Ton: Fredo Wulf, Carola Kloss, Hans Euler
Schnitt: Kai Zimmer
Produktion: Wulfmedien mit WDR / 3sat
Redaktion: Reinhard Wulf (WDR/3Sat)
Gefördert von der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein und der Kulturellen Filmförderung Mecklenburg-Vorpommern
Der Film ist am 18.11.2026, 19 Uhr in der Reihe FilmFörde im KulturForum in der Stadtgalerie Kiel zu sehen. Die Filmemacher*innen Fredo Wulf und Quinka Stoehr sind zum Filmgespräch anwesend.


