Titelbild: Artwork des 30. Filmfest SH 2026 © Sarah Gorf–Roloff, Studio Ranokel
2026 wird im Rahmen des Filmfest SH erstmals ein Preis für den besten Dokumentarfilm mit einer Länge von bis zu 59 Minuten ausgelobt. Der Preis ehrt Kurt Denzer (1939–2021), renomierter Dokumentarfilmer und u.a. Mitbegründer der Kulturellen Filmförderung SH (heute Filmkultur SH e.V.) sowie Begründer und langjähriger Leiter der CINARCHEA.
Die Auszeichnung ergänzt das Kurt-Denzer-Stipendium zur Entwicklung dokumentarischer Kurzfilme. Ermöglicht werden beide Fördermaßnahmen von Dr. Stephanie Denzer-Fürst, die zu diesem Zweck die Kurt-Denzer-Film-Stiftung gegründet hat.
Insgesamt sieben Filme gehen in diesem Jahr an zwei Tagen (18. und 20. März 2026) im Festivalzentrum, dem Kino in der Pumpe, ins Rennen um den Kurt-Denzer- Dokumentarfilmpreis. Eine Fachjury vergibt den mit 1.000 Euro dotierten Preis.
Der Dokumentarfilmpreis wurde bereits beim Filmfest Schleswig-Holstein 2025 angekündigt, seine Ausschreibung für das diesjährige Festival zeigt bereits Wirkung: Die sieben Beiträge zeichnen sich durch hohe Qualität und große Vielfalt aus. Der Bezug zu Schleswig-Holstein ergibt sich teils aus den Filmschaffenden, teils aus Drehorten oder Protagonist*innen. Die beiden Vorführungen im Festivalverlauf geben Anlass zur Hoffnung, dass Schleswig-Holstein auch künftig ein kreativer Ort für den Dokumentarfilm bleibt.
„Trischen“ (Kinga Nagy, D 2026)
Der Film der Fotografin, Filmemacherin und Künstlerin Kinga Nagay erzählt vom Leben auf der abgelegenen Nordseeinsel Trischen, einem Ort, der heute nur noch temporär und nur von wechselnden Vogelwarten bewohnt wird. Im Mittelpunkt stehen der junge Vogelwart und sein Versorgungsboot-Kapitän, die sich einmal die Woche begegnen und über die Insel und Wetterlage bei Kaffee, Kuchen und Bier austauschen. „Trischen“ erzählt nebenbei über die letzte Familie, die die Insel in den 1930er und 1940er Jahren zu bewirtschaften versuchte, aber letztlich den Kampf gegen die Naturgewalten und die Verwaltung aufgeben musste. Die fragile Balance zwischen Natur und menschlicher Anwesenheit wird beschrieben: Wind, Gezeiten und Tierwelt bestimmen den Alltag stärker als jede zivilisatorische Struktur. Es ist aber letztlich der Mensch, der die Insel und seine Fauna in Gefahr bringt. Jährlich zunehmend starke Sturmfluten vernichten immer häufiger die Gelege der Inselvögel. Die gesamte Insel Trischen wandert mittlerweile um erstaunliche 30 Meter pro Jahr.
„Trischen“ formt durch ruhige Beobachtungen und Interviews ein eindringliches Porträt von Einsamkeit, Vergänglichkeit und der besonderen Beziehung, die zwischen Mensch und Landschaft entstehen können.
„Tamsen“ (Robert Strauß, Lisa Carstensen, D 2026)
Aus der Notwendigkeit heraus, alles, was durch Sturmwind ins Rollen geraten kann, rechtzeitig zu sichern, hat sich auf Föhr ein ungewöhnlicher Brauch entwickelt. Am Thomastag darf auf der nordfriesischen Insel alles Rollfähige eingesammelt werden: Fahrräder, Mülltonnen oder Anhänger. Was bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht sicher verstaut ist, kann am nächsten Morgen verschwunden sein.
Für die Jugendlichen ist dies eine willkommene Gelegenheit, sich im Schutz der Dunkelheit Dinge zu erlauben, die von den Erwachsenen als „Kinnerspökerei“ geduldet werden. Die Kurzdoku „Tamsen“ des Kreativ-Duos Robert Strauß und Lisa Carstensen verbindet Beobachtungen dieser nächtlichen Streifzüge mit Erinnerungen erwachsener Föhrer*innen. So zeigt der Film, wie sich ein alter Brauch im Laufe der Zeit zu einer gesellschaftlich akzeptierten Mutprobe für Heranwachsende entwickelt hat.
„Echoes of Menchul“ (Sophia Bihailo, Ukraine 2025)
Im Zentrum von „Echoes of Menchul“ steht Michel Jacobi, ein deutscher Ökologe aus Kiel, der sein Leben der Arbeit mit bedrohten oder seltenen Tierarten in den Karpaten gewidmet hat. Dort engagiert er sich für den Erhalt gefährdeter Wasserbüffel und die Wiederansiedlung von Wildpferden und trägt so zur Stabilisierung sensibler Ökosysteme bei.
„Echoes of Menchul“ zeigt eindrucksvolle Bilder einer weitgehend unberührten Landschaft und lässt seinen Protagonisten klug über ein mögliches Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur philosophieren. Die ukrainische Kamerafrau und Filmregisseurin Sophia Bihailo verdeutlich, dass ein solches Miteinander nur dort Bestand haben kann, wo menschliches Handeln von Respekt und Verantwortung geprägt ist.
„Links von der Tanne“ (Ann Carolin Renninger, René Frölke, D 2026)
Mit „Links von der Tanne“ tauchen Ann Carolin Renninger und René Frölke noch einmal in die Welt des Landwirtes Willi („Aus einem Jahr der Nichtereignisse“, D 2017) ein, der seinen Hof auch hochbetagt noch selbst rudimentär bewirtschaftet. Aber langsam, doch stetig erobert sich die Natur den Hof zurück. Der Obstgarten ist wunderschön zugewuchert. Wenn sich Ann Carolin Renninger auf Geheiß von Willi auf die Suche nach dem Kirschbaum macht, verschwindet sie nach wenigen Schritten im undurchdringlich, leuchtend kodak-grünen „Dschungel“. Willis Erinnerungen an den Standort des Kirschbaums scheinen ebenso verwittert wie sein Hof. „Links von der Tanne“ ist eine wunderbar-leichte Miniatur über Erinnerungen und ihre Vergänglichkeit und gleichzeitig ein gelungener, künstlerischer Versuch, diese flüchtigen Eindrücke filmisch zu bewahren.
„Der Spalt“ (Marlin van Soest, D 2025)
In kurzen Interviewsequenzen bündelt „Der Spalt“ von Stop-Motion-Artist Marlin van Soest Gedanken, Sorgen und Stimmungen von Menschen in Deutschland während und nach der Corona-Pandemie. Die O-Töne werden durch Stop-Motion-Animationen visuell umgesetzt, die zugleich anonymisieren und eine gewisse Gleichberechtigung der Aussagen herstellen.
Die sorgfältig ausgewählten Stimmen spiegeln die große Bandbreite an Positionen zu den Corona-Maßnahmen wider. Unterschiedliche Haltungen verlaufen quer durch Altersgruppen, Geschlechter und sogar Familien. So entsteht das Bild eines gesellschaftlichen Risses, der auch in der Zeit nach der Pandemie spürbar bleibt. Zugleich erinnert der Film daran, dass trotz aller Differenzen eine gemeinsame Grundlage besteht – als wären wir alle aus demselben „Knetgummi“ geformt.
„Eine deutsche Familie“ (Tom und Andrea Salt, D 2025)
Eine Familiengeschichte, erzählt durch Super-8-Aufnahmen aus der deutschen Nachkriegszeit: Die Bilder zeigen eine scheinbar glückliche Familie mit zwei heranwachsenden Töchtern. Doch der Kommentar der Tochter Monika offenbart, was im Verborgenen bleibt. Hinter der heilen Fassade liegen die unausgesprochenen Traumata des Vaters, geprägt vom Krieg, und die kühle Strenge der Mutter, selbst ein Produkt nationalsozialistischer Erziehung, die diese Härte an ihre Kinder weitergibt.
Wie in vielen Familien jener Zeit gilt auch hier das unausgesprochene Gesetz: Worüber man nicht spricht, existiert nicht. Die Folgen sind verheerend. Monikas Schwester Gisela erkrankt an Depressionen, die von der Familie hilflos und unwissend als bloße Laune abgetan werden. Monika berichtet von mehreren Suizidversuchen; schließlich stirbt Gisela vor zehn Jahren vermutlich durch Suizid.
Der Kurz-Dokumentarfilm „Eine deutsche Familie“ von Tom und Andrea Salt bringt diese Geschichte eindringlich und präzise auf den Punkt. Er zeigt, wie die Nachwirkungen des Krieges und das Schweigen über seine Gräuel Familien nachhaltig prägen – und letztlich zerstören können.
„Lieber Hans“ (Claudia Richarz, D 2025)
In dieser Dokumentarfilm-Miniatur schildert Regisseurin Claudia Richarz anhand weniger Feldpostkarten den Trennungsschmerz zweier Geschwister während des 2. Weltkriegs. Mit zurückhaltenden, aber sehnsuchtsvollen Worten schreibt Maria 1943 ihrem Bruder Hans ins Kriegsgebiet und hofft inständig auf ein Wiedersehen, das es nicht mehr geben wird. Claudia Richarz erinnert am Beispiel ihrer eigenen Familiengeschichte an die unzähligen Opfer eines verbrecherischen Kriegs, der noch Generationen später Leid hinterlässt. (dakro)
Die Filme sind im Rahmen des Kurt-Denzer-Dokumentarfilm-Wettbewerbs beim 30. Filmfest Schleswig-Holstein am 18. und 20. März 2026 im Kino in der Pumpe zu sehen.






