Titelbild: Nano Nguyễn als Trúc Lâm (Foto © Claudia Tuyết Scheffel)
„Lonig & Havendel“ (Claudia Tuyết Scheffel, D 2025)
„Wo sind wir hier?“, fragt die junge Wanderin im Gasthaus. „In Deutschland“, kommt es lapidar von der Wirtin zurück. Nicht die Antwort, die Trúc Lâm erhofft hatte – und ein offensichtlicher Seitenhieb auf ihre asiatische Herkunft. Die alltagsrassistische Bemerkung kann jedoch ihre Begeisterung für die abgelegene sächsische Region nicht dämpfen. Die vietnamesische Austauschschülerin ist fasziniert vom besonderen Geruch der Wiesen und Wälder und von der Andersartigkeit des Erzgebirges. Sie hört regionale Folklore-Musik und vertröstet ihre Mutter auf eine nicht absehbare Heimkehr. Ihre Faszination für die mythische Bergwelt Sachsens führt sie bei einer Bergwerksführung schließlich in einen geheimnisvollen, abgelegenen Stollen. Dieser bringt sie wieder ins Freie – zurück in das ihr vertraute Örtchen. Doch ihre Unterkunft ist plötzlich verwaist, und die Menschen verhalten sich ohne ersichtlichen Grund völlig anders.
Mit „Lonig & Havendel“ legt Claudia Tuyết Scheffel ihren Debüt-Langfilm und zugleich ihren Abschlussfilm an der HFBK Hamburg vor. Der Film feierte seine Uraufführung im Januar 2025 in der Wettbewerbssektion des Max-Ophüls-Preises in Saarbrücken. Nach diversen Festivalteilnahmen war er im September beim Filmfest Hamburg zu sehen und läuft nun im Wettbewerb um den Gesa-Rautenberg-Preis beim 30. Filmfest Schleswig-Holstein. Eine Auteur-Handschrift lässt sich bei Tuyêt Scheffel bereits in Ansätzen erkennen: Schon in ihrem Kurzfilm „Wasser werden“ (Tan chảy thành nước, 2021; siehe Link unten) kombinierte die Regisseurin und Autorin alltägliche Beobachtungen mit einem Schuss magischen Realismus zu leicht schrägen, episodenhaften Geschichten.
In „Lonig & Havendel“ geht Tuyết Scheffel noch einen Schritt weiter: Die magischen Momente werden handlungsbestimmend. Beim Versuch, über den geheimnisvollen Stollen aus der Parallelwelt zu entkommen, scheitert Trúc Lâm. Weil der Bergführer sie mit einer ortsansässigen Vietnamesin verwechselt, ruft er deren Bruder Duc zu Hilfe. Der Sohn eines Asia-Imbiss-Betreibers nimmt Trúc Lâm unter seine Fittiche, hat jedoch selbst mit familiären Spannungen zu kämpfen, die sich meist um männliche Rollenbilder, Erwartungen und Geld drehen. In Trúc Lâm wächst der Wunsch, zurückzukehren – und selbst ein Berg zu werden. Ein singender Berggeist bietet ihr dabei seine Dienste an.
Claudia Tuyết Scheffel eröffnet den Zuschauerinnen und Zuschauern eine seltene vietnamesisch-deutsche Perspektive. Die Tochter einer in Deutschland arbeitenden Vietnamesin und eines ostdeutschen Vaters wurde in Chemnitz geboren und wuchs im Erzgebirge auf. Ihre Lebenserfahrungen spiegeln sich in den vielen Vignetten des Films wider. Das Aufwachsen mit Migrationshintergrund in der Diaspora, Freunde, die in größere Städte abwandern, und ein sehr überschaubares Freizeitangebot treffen – auf der Tonspur besungen von Erobique und Palminger („Finsterwald“) – aufeinander. Der Generationenkonflikt schwelt latent: Die vietnamesischen Eltern verstehen die Lebenspläne ihres Sohnes nicht, und der wiederum hadert mit den traditionellen Familienwerten.
„Lonig & Havendel“ leidet stellenweise unter seiner episodenhaften Erzählweise. Andererseits gibt diese dem Film die Freiheit, die unterschiedlichen Gefühlswelten seiner Figuren in oft poetische Bilder zu fassen. Im Grundton bleibt der Film jedoch versöhnlich – nicht zuletzt, weil alle Figuren im Verlauf der Geschichte etwas dazu lernen. Der künstlerische Gestaltungswille Tuyêt Scheffels ist deutlich spürbar und eine der Stärken des Films. Die sinnlich fotografierte Landschaft des Erzgebirges – in der hervorragenden Kameraarbeit von Yunus Çağ Köylü – schafft einen Sehnsuchtsort, dem die Protagonistin verfallen ist. Die mutigen und ungewöhnlichen Ingredienzien von „Lonig & Havendel“ machen neugierig auf den nächsten Film von Claudia Tuyêt Scheffel. (dakro)
„Lonig & Havendel“, Deutschland 2025, 116 Min., Farbe; Regie & Buch: Claudia Tuyết Scheffel; Kamera: Yunus Çağ Köylü; Schnitt: Niklas Doka; Musik: Florian Illing; Ton: Nicola Sulis, Ki Bùi; Szenenbild: Nele Seifert; Kostümbild: Babette Sperling, Pia Kopprasch; Maskenbild: Lydia Drees, Pia Kopprasch; Produktion: Claudia Tuyết Scheffel; Produzent: Peter M. Wacker; Co-Produktion: Hochschule für bildende Künste (HFBK) Hamburg; Besetzung: Tri Ân Bùi (Duc), Nano Nguyễn (Trúc Lâm), Jördis Herrmann (Melanie), Niklas Wetzel (Steve), Vy Lưu (Cindy), Long Đặng Ngọc (Vater Nguyen), Lan Pham Thị (Mutter Nguyen), Vy Anh N. Nguyễn (Quynh), Michaela Banert (Kellnerin Steffi / Steves Cousine) u.a.
Tipps & Links
- „Lonig & Havendel“ läuft beim 30. Filmfest SH 2026 am 21. März 2026 um 18 Uhr im Kino in der Pumpe. Tickets hier.
- „Wasser werden“ – Kurzspielfilm von Claudia Scheffel in der MDR-Mediathek
