Mit 15 Produktionen, darunter fünf Langfilme, waren Animationsfilme auf der Berlinale 2026 durchaus stark vertreten. Nach „Art College 1994“ (Liu Jian, China 2023) lief mit „A New Dawn“ (Yoshitoshi Shinomiya, Japan/Frankreich 2026) auch im Wettbewerb ein japanischer Animationsfilm. Anime haben sich seit dem Goldenen Bären für „Chihiros Reise ins Zauberland“ („Sen to Chihiro no kamikakushi“, Hayao Miyazaki, Japan 2001) in die Geschichte des Wettbewerbs der Internationale Filmfestspiele Berlin eingeschrieben.

In der Generation-Sektion sind Animationsfilme nicht ungewöhnlich und in diesem Jahr konnten Kinder und Jugendliche sich über den Anime „Stadt der Schornsteine: In der Zeit gefangen“ („Entotsu-chō no Poupelle“, Yusuke Hirota, Japan 2020) und die brasilianische Produktion „Papaya“ („Thiago Carvalho“, Brasilien 2026) freuen. Zwei weitere Langfilme liefen in der Debütfilm-Sektion Perspectives: „Light Pillar“ („Han ye deng zhu“, Xu Zao, China 2026) – und bei den Berlinale Classics gab es zum ersten Mal einen Old-School-Anime zu sehen: „Ninja Scroll“ („Jūbei Ninpūchō“, Yoshiaki Kawajiri, Japan 1993).

„Ninja Scroll“ © 1993 Yoshiaki Kawajiri / Madhouse / FlyingDog / TOHO CO., LTD. / MOVIC INC.

Mit „Ninja Scroll“ hielt ein Meilenstein des Anime-Genres von Yoshiaki Kawajiri Einzug in das Berlinale Classics-Programm – als restaurierte 4K-Fassung auf der Leinwand. Die Ninja-Fantasy, angesiedelt in der Edo-Zeit, lässt es an blutiger Action nicht mangeln und prägte mit ihrer düsteren Atmosphäre das Genre der 1990er-Jahre nachhaltig. Als herrenloser Söldner durchstreift Jubei Kibagami das Land. Nachdem er unbeabsichtigt zum Tod einiger der mächtigen „Acht Teufel von Kimon“ beigetragen hat, wird er zur Zielscheibe dieser finsteren Organisation. Unterstützt von der tödlich vergifteten Kagero und dem cleveren Spion Dakuan, versucht Jubei, die dunklen Pläne von Shogun und alten Feinden zu durchkreuzen. Die Dynamik der Handlung, die prägnante Action und die mutige Ästhetik von Figuren und düsteren Settings machten den Film stilprägend – und auch heute ist „Ninja Scroll“ noch kurzweilig und höchst unterhaltsam. Kawajiri, Mitgründer des legendären Madhouse-Studios und Regisseur von Werken wie „Wicked City“ (1987) und „Vampire Hunter“ (Deutsch „Bloodlust“, 2000) hat früh das internationale Verständnis von Anime entscheidend mitgeprägt.

Mit „A New Dawn“ (Yoshitoshi Shinomiya, Japan/Frankreich 2026) war zudem erneut ein Anime im Wettbewerb vertreten – und zugleich das Langfilm-Regiedebüt seines Schöpfers, der als Regisseur, Drehbuchautor und visueller Künstler arbeitet. Shinomiya verbindet in seinem Film kunstvoll geprägte Bildgestaltung mit einer emotional tiefen Geschichte, die sich um Identität, Erinnerung und Verlust dreht – Themen, die sich als roter Faden durch die Berlinale zogen. In der mysteriösen, leicht esoterisch angehauchten Handlung trifft Tradition auf Moderne: Keitaro lebt in einer alten Feuerwerksfabrik, die kurz vor der Schließung steht. Sein Vater ist verschwunden, und Keitaro versucht, das Geheimnis des mystischen „Shuhari“-Feuerwerks zu lüften – ein letztes Vermächtnis seines Vaters. Während die Fabrik dem Abriss für den Ausbau einer Straße weichen soll, kämpfen Keitaro und seine Freunde darum, ein letztes, transzendentes Feuerwerk zu zünden. Das Ringen mit Erinnerungen, Freundschaften und dem Verlust der Heimat entlädt sich visuell in dem wahrscheinlich schönsten Feuerwerk ever in einem Animationsfilm.

„Light Pillar“ © Fengduan Pictures

Der chinesische Beitrag in der Perspektiven-Sektion, „Light Pillar“ (Xu Zao, China 2026), präsentiert sich dramaturgisch und im Erzähltempo deutlich anders als der Anime im Wettbewerb. Der Film besticht durch melancholisch-subtilen Humor und einen reduzierten Zeichenstil, der bisweilen an die Ligne Claire erinnert. Die Handlung spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft auf einem fast verlassenen Filmstudio-Gelände: Der Hausmeister Lao Zha lebt und arbeitet hier zusammen mit einigen Kollegen und der streng-kapitalistischen Geschäftsführerin. Die schräge Crew hält das Studio mit windigen Geschäftsideen über Wasser, versucht es als Abenteuerpark zu vermarkten – doch der wirtschaftliche Ruin lässt nicht lange auf sich warten.
Lao Zha flüchtet sich in eine romantisch-absurde Scheinwelt, die er über eine VR-Brille betritt. Regisseur Xu Zao inszeniert diese Sequenzen als Real-Szenen in Videoqualität, wodurch die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen. Die Rettung des Studios wird gleichzeitig zu einer existenziellen Bedrohung: Ein alter Regisseur plant, das Gelände zu bombardieren, um das „Ende der Welt“ zu filmen. Lao Zha weigert sich, das Studio zu verlassen.
Xu Zao, Absolvent der Beijing Film Academy im Bereich Visuelles Design, bringt einen Stil mit, der eher an eine Graphic Novel erinnert. Die entschleunigten Animationen geben Raum für Reflexion über verlorene Träume, Sinnsuche und die fließende Grenze zwischen Realität und Virtualität. „Light Pillar“ stellt damit nicht nur ein technisches Experiment dar, sondern hinterfragt zugleich die Beziehung zwischen Beobachter, Traum und Wirklichkeit: Wer träumt hier eigentlich wen?

Animationsfilme auf der Berlinale haben ihren besonderen Reiz gerade dadurch, dass sie sich bewusst von hoch-produzierten amerikanischen Unterhaltungsfilmen unterscheiden. Sie erlauben Experimente, ungewöhnliche Erzählstrukturen und komplexe, oft schräge Geschichten. Meist sind sie eine Entdeckung – so auch in diesem Jahr. (dakro)

Filmografische Daten & Links:

„A New Dawn“, Japan/Frankreich 2026, ca. 110 Min., digital, color; Regie: Yoshitoshi Shinomiya; Drehbuch: Yoshitoshi Shinomiya; Produktion: Asmik Ace, Tokyo; Musik: Shuta Hasunuma; Szenebild: Yoshitoshi Shinomiya, Akiko Majima; Cast (Stimmen): Riku Hagiwara; Kamera: Anna Tomizaki, Kotone Furukawa, Miyu Irino.
„A New Dawn“ – Berlinale-Katalogeintrag

„Ninja Scroll, Japan 1993, 94 Min., 35 mm, color; Regie: Yoshiaki Kawajiri; Drehbuch: Yoshiaki Kawajiri; Produktion: Madhouse Studio; Musik: Kaoru Wada; Animation: Madhouse Animation Team; Cast (Stimmen): Kōichi Yamadera (Jubei Kibagami), Emi Shinohara (Kagero), Shūichirō Moriyama (Dakuan); Kamera: Hitoshi Yamaguchi; Sound Design: Yasunori Honda.
„Ninja Scroll“ – Berlinale-Katalogeintrag und Trailer

„Light Pillar“, China 2026, ca. 105 Min., digital, color; Regie: Xu Zao; Drehbuch: Xu Zao; Produktion: Fengduan Pictures, Shanghai; Musik: Chen Xiaoshu; Animation: Yang Leiting; Cast (Realszenen): Da Peng, Qing Yi; Kamera: Hao Jiayue; Schnitt: Yang Chao, Xu Zao.
„Light Pillar“ – Berlinale-Katalogeintrag und Trailer

 

Titelbild: „A New Dawn“ von Yoshitoshi Shinomiya © 2025 A NEW DAWN Film Partners
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