„Nina Roza“ (Geneviève Dulude-De Celles, 2026)

Mihail ist skeptisch. Vielleicht ist es eine Art Berufskrankheit, die sich der bulgarischstämmige, in Montreal lebende Kunstexperte und Kurator über Jahre angeeignet hat. Mit eben jener Skepsis betrachtet er auch das virale Internetvideo, das ihm ein Kunstsammler präsentiert: Es zeigt – ausgerechnet in Bulgarien – ein achtjähriges Wunderkind, das ein beeindruckendes impressionistisches Gemälde geschaffen haben soll. Für Mihail spricht vieles dagegen, dass das gefeierte Werk tatsächlich von der kleinen Nina stammt. Doch auf Drängen seiner Tochter Roza reist er erstmals seit 30 Jahren wieder in seine alte Heimat Bulgarien zurück – jenes Land, das er nach dem Tod seiner Frau gemeinsam mit seiner damals noch kleinen Tochter verlassen hat.

Mit Misstrauen im Gepäck macht sich Mihail im Dorf auf die Suche nach der Wahrheit hinter dem Wunderkind. Hat womöglich die handwerklich begabte Mutter die Bilder gemalt und sie als Werke ihrer Tochter ausgegeben? Mihail muss sich den Dorfbewohnern erklären; sein Bulgarisch ist eingerostet, er denke inzwischen auf Französisch, sagt er. Dennoch ist der Empfang herzlich. Er wird zum Dorffest eingeladen, alte Lieder und Bräuche wecken verschüttete Erinnerungen. Die Reise wird zunehmend zu einer Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit.

Die kanadische Regisseurin und Drehbuchautorin Geneviève Dulude-De Celles hat über viele Jahre an diesem Stoff gearbeitet und sich intensiv mit realen künstlerischen Wunderkindern auseinandergesetzt. Viele von ihnen schaffen es nicht, ihr frühes Talent ins Erwachsenenalter hinüberzuretten; nach einer kurzen Phase internationaler Aufmerksamkeit geraten sie in Vergessenheit. Dieses Phänomen verbindet Dulude-De Celles mit Fragen von Migration und Exil. Der Verlust von Heimat und Identität spiegelt sich im prekären Status früh gefeierter Begabungen.

In der Rolle des Mihail überzeugt Galin Stoev, selbst renommierter Theaterregisseur, mit einer bemerkenswert zurückgenommenen Darstellung. Er zeichnet seinen Protagonisten als stoischen, innerlich verschlossenen Mann, dessen emotionaler Panzer sich nur langsam öffnet. Stoev spielt mit großer Präzision und Zurückhaltung; sein Mihail wird zur Projektionsfläche für das Publikum, das die feinen Verschiebungen in Blicken und Gesten aufmerksam verfolgt.

Die in ruhigen, atmosphärischen Bildern eingefangene bulgarische Landschaft, die Offenheit der Dorfgemeinschaft und die Begegnung mit der sensiblen, selbstbewussten Nina bringen Mihail schließlich dazu, sich den Geistern seiner Vergangenheit zu stellen. Die Konfrontation mit dem begabten Kind erinnert ihn unweigerlich an seine eigene Tochter Roza, die durch seine damalige Entscheidung ihre Heimat und ihre familiären Wurzeln zurücklassen musste.

„Nina Roza“ ist ein kluger, leiser und sensibler Film über die Erkundung der eigenen Geschichte und das vorsichtige Neubewerten einer Vater-Tochter-Beziehung. Zugleich untersucht Dulude-De Celles das Spannungsfeld zwischen künstlerischer Integrität und kommerziellen Erwartungen – und stellt die existenzielle Frage, was es bedeutet, ein Zuhause zu verlassen und möglicherweise für immer zu verlieren. Empfehlenswert! (dakro)

„Nina Roza“, Kanada / Italien / Belgien / Bulgarien 2026, 103 Min., Farbe; Regie: Geneviève Dulude-De Celles; Drehbuch: Geneviève Dulude-De Celles; Kamera: Alexandre Nour Desjardins; Schnitt: Damien Keyeux; Musik: Joseph Marchand; Produktion: Fanny Drew, Sarah Mannering; Verleih (Kanada): Entract Films; Darsteller*innen: Galin Stoev(Mihail), Ekaterina Stanina (Nina), Sofia Stanina (Nina), Michelle Tzontchev (Roza), Chiara Caselli (Giulia Mancini), Christian Bégin (Christophe), Nikolay Mutafchiev (Bogdan).

Die Drehbuchautorin und Regisseurin Geneviève Dulude-de Celles gewann bei der Berlinale den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch.

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Titelfoto: Wunderkind als Ware präsentiert: Sofia Stanina als Nina © Alexandre Nour Desjardins
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