„Animol“ (Ashley Walters, GB 2026)
Wie ein schwarzer Heiligenschein umrahmt das verdunkelte Fenster des Gefangenentransporters Troys (Tut Nyuot) Kopf, als er in das Jugendhaftzentrum nahe London gebracht wird. Vor ihm liegt die Ungewissheit eines Strafvollzugs unter jugendlichen Kriminellen, deren brutale Regeln er unmittelbar nach seiner Ankunft zu spüren bekommt. Bandenchef Dion (Sekou Diaby) zwingt ihn, ein Mobiltelefon einzuschmuggeln – ein Vergehen, das Troy eine Haftverlängerung einbringen würde. Bei der anschließenden Leibesvisitation lenkt der ebenfalls neu eingelieferte Häftling Krystian (Vladyslav Baliuk) die Vollzugsbeamten ab. Unfreiwillig hat Troy damit den ersten Schritt in eine unberechenbare Bandenwelt getan.
Die Berlinale-Sektion „Perspectives“, die seit 2025 Debütfilme aus aller Welt präsentiert, zeigt mit „Animol“ das Regiedebüt von Ashley Walters. Der als Rapper (Asher D.) und Schauspieler („Top Boy“, „Adolescence“) bekannt gewordene Brite inszeniert ein Drehbuch von Nick Love („Bulletproof“) mit einer Reihe junger, bemerkenswert präsenter Darsteller sowie Stephen Graham als engagiertem Sozialarbeiter. Walters reduziert die Schauplätze konsequent auf Zellenblock und Kantine und schafft damit einen konzentrierten Raum, in dem sich die Darsteller voll entfalten können. Die präzise gesetzten Gewaltszenen täuschen nicht darüber hinweg, dass „Animol“ vor allem als spannungsgeladenes Kammerspiel funktioniert.
Troy versucht, in diesem fremden Milieu zu überleben, ohne sich vollständig der Gewalt hinzugeben. Nach ersten Schmuggelaktionen für Dion ist er Teil der Gang – und verschafft schließlich auch Krystian Zugang zur Gruppe. Zwischen den beiden entwickeln sich unerwartete Gefühle, deren Entdeckung das fragile Machtgefüge und das Pulverfass toxischer Männlichkeit zur Explosion bringen.

Die Schauspieler Sekou Diaby, Vladyslav Baliut und Tut Nyuot gemeinsam mit dem Regisseur Ashley Walters (3. von links) beim Photo-Call. (Foto: Berlinale)
Nick Loves Drehbuch erfindet den Gefängnisfilm nicht neu, doch der präzise Blick auf Gruppendruck, Hierarchien und die Notwendigkeit, eine individuelle Überlebensstrategie zu entwickeln, verleiht der Geschichte erzählerische Wucht. Das Ensemble überzeugt durchweg; insbesondere Tut Nyuot gestaltet Troy als emotional verschlossenen, innerlich aufgewühlten Jugendlichen, der gezwungen ist, seine Loyalitäten neu zu definieren und sich seiner eigenen Verletzlichkeit zu stellen – in einer Umgebung, in der offene Gefühle fatale Konsequenzen haben können.
Ein äußerst gelungenes Debüt. (dakro)
„Animol“, GB 2026, ca. 90 Min., Farbe; Regie: Ashley Walters; Drehbuch: Nick Love; Kamera: Tasha Back; Schnitt: Danielle Palmer; Musik: Swindle; Ton: Roland Heap; Szenenbild: Gini Godwin; Kostüme: Camille Adomakoh; Darsteller*innen: Tut Nyuot (Troy), Vladyslav Baliuk (Krystian), Stephen Graham (Claypole), Sharon Duncan-Brewster (Joy), Sekou Diaby (Dion) u.a.; Produktion: Film4, Sky Studios, Joi Productions; Mit Unterstützung von: British Film Institute
Tipps & Links:
- Berlinale Katalogeintrag: https://www.berlinale.de/de/2026/programm/202610496.html