„2.000 Meter bis Andriiwka“ (Mstyslav Chernov, Ukraine / USA 2025)
Ein zwei Kilometer langer, 50 Meter breiter Waldstreifen, gesäumt von einer offenen und verminten Kraterlandschaft – 2.000 Meter bis zum russisch besetzten Dorf Andriiwka an der Front im Donezk, das die ukrainische 3. Sturm-Brigade um jeden Preis „befreien“ will. Der Oscar-prämierte ukrainische Dokumentarfilmer Mstyslav Chernov („20 Tage in Mariupol“) hat in seinem jüngsten Dokumentarfilm „2.000 Meter bis Andriiwka“ („2.000 metriw do Andrijiwky“, Ukraine / USA 2025) sich und Co-Kameramann Alex Babenko in der Truppe „embeded“ und zeigt bedrückend nah und schonungslos (ständig von eigener Lebensgefahr bedroht) den Alltag von Leben und Sterben der Soldaten an vorderster Front.
Sommer 2023, die ukrainische Armee versucht erstmals, in einer Großoffensive die russischen Invasoren auf breiter Front aus dem Donezk zu vertreiben. Warum gerade im Dorf Andriiwka? – Es sei von strategischer Bedeutung, so heißt es. Ob das so ist, ist mehr als zweifelhaft. Chernov und Babenko filmten den Einsatz mit zwei Handkameras, konnten aber auch auf das Material der Head-Cams der unkrainischen Soldaten zugreifen. So entstanden bedrückende Live-Aufnahmen vom unmittelbaren Kampfgeschehen, vor den Kameras wird verletzt, überlebt, aber auch gestorben. Trigger-Warnung: Harter Stoff und nicht für sensible Augen geeignet.
Von dem Wald, in dem die ukrainischen Soldaten mühsamst Meter um Meter vorrücken – unter zahlreichen Opfern auf ukrainischer wie russischer Seite 1.000, 600, 300, 100 Meter bis zum Ziel, unter ständigem Beschuss von Artillerie und Drohnen – ist ebenso wie vom Dorf Andriiwka kaum etwas übrig. Erdlöcher, in denen die Soldaten kaum Deckung finden, Baumstümpfe wie in den Mondlandschaften in den Niemandsländern des 1. Weltkriegs. So verwundert es nicht, dass manche Kritiker den Dokumentarfilm mit dem Spielfilm „Im Westen nichts Neues“ (Edward Berger, D / USA / GB 2022) verglichen.
Allein, Chernov macht keinen Spiel- (wofür das Material durchaus getaugt hätte), sondern einen Dokumentarfilm, in dem er den einzelnen Soldaten eine Stimme über ihre Erwartungen, Ängste und Träume gibt, wodurch die Soldaten vom austauschbaren Menschenmaterial des Krieges wieder zu Menschen, Individuen werden. Zum Beispiel ein neu hinzugekommener Soldat, dem Babenko eine Zigarette dreht und der sagt: „Ich hab’ nur eine Bitte, mach’ mich nicht zum Helden! Ich hab’ noch nichts gemacht. Ich möchte nur noch einfach mal spazieren gehen durch einen Wald.“ Oder der Soldat Gagarin, der vor dem Kamera-Auge Chernovs erschossen wird. Die Gesichter der Soldaten – voller Angst, Schrecken, Trauer und Verheerung …
Am Ende wird Andriiwka von den ukrainischen Soldaten besetzt. „Wir müssen die Fahne hissen“, sagt Soldat Fedya. Doch inmitten der Trümmer gibt es kaum Platz, die Fahne zu hissen. Das Dorf ist zerstört, alles, was bleibt, ist sein Name. Auch der von den Soldaten, die Chernov und Babenko begleitet haben. „Das Schlimmste liegt hinter uns“, sagt Fedya. Wirklich? „Was, wenn der Krieg bis zum Ende unseres Lebens dauert?“, fragt ihn ein Kamerad … (jm)
Links:
- Der Film ist in der ZDF-Mediathek zu sehen
- Website des Films
- Wikipedia über den Film

