„Bucks Harbor“ (Pete Muller, USA 2026)

Mit „Bucks Harbor“ zeigt der Fotograf und Medienkünstler Pete Muller seinen ersten Dokumentarfilm im Panorama der Berlinale 2026. Nach Jahren in Krisengebieten Afrikas und des Nahen Ostens richtet Muller den Blick nun auf eine andere Form des Existenzkampfs: den Alltag der Hummerfischer in Downeast Maine im Nordosten der USA.

Die feuchtkalte, entlegene Küstenregion fordert ihre Einwohner bis an die physischen und psychischen Grenzen. Die Erwartungen an Männer – ob Familienväter oder Einzelgänger – sind hoch, das tradierte Männlichkeitsbild wird den Jungen früh vermittelt. Geduldig beobachtet Muller und entdeckt hinter rauen Fassaden unvermutete Sensibilität und starken Gemeinschaftssinn.

Dave hat wieder ein steif gefrorenes Wildtier am Straßenrand entdeckt und hängt es in seiner Scheune zum Auftauen auf. Was er damit vorhat, wisse er noch nicht – aber es wäre doch schade um das schöne Fell. Wenn Dave erzählt, steckt stets eine Zigarette im Mundwinkel; wenn er lacht, werden große Zahnlücken sichtbar. Seine Zähne hat er sich mit Drogenkonsum ruiniert, doch seine wilden Jahre der Auflehnung gegen Autoritäten liegen Jahrzehnte zurück. Mit Fischerei und Muschelsuchen verdient er seinen Unterhalt. Seine Freundin hat ihn gerade verlassen, doch seine Mutter steht ihm zur Seite.

Familienvater Mark zieht sich gerne Frauenkleider an und postet seine Drag-Performances mit großer Resonanz auf TikTok. Sein Vater, ein Vietnam-Veteran, durfte davon nie erfahren. Mark lebt seine Passion lange im Verborgenen aus – bis er sich schließlich auf provokante Weise offenbart.

Wayne nimmt seine beiden Söhne früh mit dem kleinen Kutter auf den Atlantik hinaus und lässt sie die schweren Hummerkörbe selbst wuchten. Sie müssen es auf die harte Tour lernen – es ist ihre Zukunft. Mike hingegen ist besorgt; er kennt die Gefahren der Fischerei. Der Ozean hätte ihn beinahe „geholt“, als er bei schwerer See über Bord ging.

Pete Muller begleitet seine Protagonisten über zwei Winter und einen kurzen Sommer. Zurückhaltend beobachtet er sie bei ihrem schweren Tagwerk, im Kampf mit einer erbarmungslosen und zugleich wunderschönen Natur. Ihre Freizeit investieren die Männer in Familie, Freunde und die Gemeinschaft. Kleine Erfolge werden hart erkämpft: Mark freut sich über die wachsende Aufmerksamkeit für seine Auftritte im digitalen Raum; Dave unterzieht sich einer Zahnbehandlung und wird als Harbor Master vereidigt.

Mike – ein Mann wie ein Hummer: harte Schale, weicher Kern (Foto: Pete Muller)

„Bucks Harbor“ zeigt, wie Körperlichkeit und Arbeitskraft als Maßstab für Wert und damit Identität in einer Gemeinschaft gelten, deren Alltag vom Überleben geprägt ist. Solche ländlichen Milieus sind Teil des amerikanischen Selbstverständnisses – und zugleich Räume permanenter ökonomischer Unsicherheit. Muller interessiert sich für die Frage, wie Männer und Heranwachsende mit den strikten gesellschaftlichen Erwartungen umgehen. Ihm und seinem Team gelingt es, das Vertrauen von Protagonisten zu gewinnen, die von Verletzlichkeit erzählen und das vermeintlich starre Männlichkeitsbild unterlaufen.

Formal besticht der Film durch die eindrucksvolle Kameraarbeit von Nathan Golon, Mark Unger und Pete Muller selbst sowie durch den atmosphärisch dichten Score von Nikolaj Hess. Unger gelingen dabei außergewöhnliche Aufnahmen eines sich häutenden Hummers – Bilder, in denen sich Naturbeobachtung und symbolische Ebene verbinden. In diesen Zwischensequenzen entfaltet auch Hess’ ungewöhnliche musikalische Gestaltung ihre besondere Wirkung.

Die Hummerfischerei dient als Metapher für Überlebenskampf, Widerstandskraft und das Leben in rauer Natur. Für Marks Söhne wird die Ausfahrt zum Initiationsritus: Hier müssen sie sich als fähige Mitglieder der Gemeinschaft beweisen und der See trotzen. Der sich immer wieder häutende Hummer wird zum Sinnbild der Menschen in Bucks Harbor. Solange er seine harte Schale abwirft, wächst und lebt er weiter. (dakro)

„Bucks Harbor“, USA 2026, 98 min., Farbe; Regie: Pete Muller; Kamera: Nathan Golon, Pete Muller, Mark Unger; Schnitt: Noel Paul; Musik: Nikolaj Hess; Produktion: Pete Muller, Nathan Golon, Noel Paul; Produktionsfirma: 2 Wolves Films; Weltvertrieb: Indox

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Titelfoto: Still aus „Bucks Harbor“: Die nächste Generation steht auch schon am Ruder (Foto: Pete Muller)
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