Die Sektion Berlinale Classics präsentiert 2026 zehn neu restaurierte Filme – darunter „The Pornographers“ von Shōhei Imamura. Imamura zählt zu den prägenden Regisseuren der japanischen Nouvelle Vague, und dieser Film gilt als eines seiner international bekanntesten Werke. Nach seiner Premiere in Japan wurde er auch in den USA und Europa gezeigt und avancierte zu einem Schlüsselwerk der Bewegung.
Im Zentrum der Geschichte steht Subuyan „Subu“ Ogata, ein selbsternannter Produzent von 8-mm-Pornofilmen in Osaka. Er schlägt sich mit Zensurgesetzen, kriminellen Verwicklungen und privaten Konflikten herum. Subu lebt mit der verwitweten Friseurin Haru und ihren beiden Kindern zusammen. Während Haru überzeugt ist, ihr verstorbener Mann sei als Karpfen im Aquarium wiedergeboren worden, entwickelt Subu eine problematische Faszination für ihre Tochter Keiko. Die ohnehin fragile Familiensituation gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Am Ende zieht sich Subu immer stärker von realen Beziehungen zurück und konstruiert sich eine mechanische Frau als ideale Gefährtin – ein ebenso bizarrer wie konsequenter Schlusspunkt für die Geschichte.
Doch „The Pornographers“ ist weit mehr als ein Film über Erotik. Imamura verbindet schwarzen Humor, surreale Elemente und einen fast anthropologischen Blick auf seine Figuren zu einer vielschichtigen Satire. Er bricht Tabus, thematisiert Pornografie, Voyeurismus und familiäre Spannungen offen und kommentiert zugleich das Spannungsfeld zwischen traditioneller Moral und verdrängten Bedürfnissen im Japan der 1960er Jahre. In diesem Jahrzehnt entfernte sich die Gesellschaft und Kultur deutlich sichtbar von ihren tradierten Werten, die in den schwierigen Nachkriegsjahren zunehmend erodierten. Die distanzierte Kamera, geführt von Masao Kosugi (u.a. „Pale Flower“, 1964), ungewöhnliche Bildkompositionen und wiederkehrende Barrieren wie Fenster oder Aquarien verstärken den beobachtenden Ton.
„The Pornographers“ ist ein zeitloses, provokantes, klug reflektierendes Werk – ein dunkler, oft humorvoller Blick auf Begehren, Unterdrückung und gesellschaftliche Normen. Bis heute gilt der Film als Kultklassiker und als bedeutender Beitrag zur japanischen Filmgeschichte. Ein Highlight der Berlinale Classics 2026. (dakro)
„The Pornographers“ („Erogotoshi-tachi yori: Jinruigaku nyūmon“), Japan 1966, ca. 128 Min., 35 mm, Schwarzweiß; Regie: Shōhei Imamura; Produktion: Shōhei Imamura, Jirō Tomoda, Kazuya Yamamoto; Drehbuch: Shōhei Imamura, Kōji Numata (nach dem Roman von Akiyuki Nosaka); Kamera: Shinsaku Himeda; Schnitt: Mutsuo Tanji; Szenenbild: Ichirō Takada, Hiromi Shiozawa; Musik: Toshirō Mayuzumi, Toshiro Kusunoki; Ton: Kenichi Benitani; Produktionsfirma: Nikkatsu Corporation, Imamura Productions; Darsteller: Shōichi Ozawa (Subuyan „Subu“ Ogata), Sumiko Sakamoto (Haru), Keiko Sagawa (Keiko), Masaomi Kondō (Kōichi), Haruo Tanaka, Ganjirō Nakamura II, Chōchō Miyako, Kō Nishimura, Ichirō Sugai, Shinichi Nakano, Kazuo Kitamura, Asao Uchida, Taiji Tonoyama, Jun Hamamura, Kin Sugai, Sayoko Kinoshita, Kayako Sono, Shōzō Fukuyama, Shuntaro Tamamura, Hyōe Enoki, Tokushichi Ogura, Yasuko Nishioka u.a.