„Solo Sunny“ (Konrad Wolf, Wolfgang Kohlhaase, DDR 1980)
Im Rahmen der Berlinale Classics 2025 feierte anlässlich des Konrad-Wolf-Jahres die 4K-Restaurierung des späten DEFA-Klassikers „Solo Sunny“ Premiere. Der letzte Film des DEFA-Regisseurs und langjährigen Leiters der Akademie der Künste Konrad Wolf war seine dritte Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase („Berlin – Ecke Schönhauser“, 1957, „Sommer vorm Balkon“, 2005) nach „Ich war neunzehn“ (1968) und „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ (1974).
„Solo Sunny“ gewann auf der Berlinale 1980 nicht nur den FIPRESCI-Preis der Filmkritik und den Leserpreis der Berliner Morgenpost, sondern auch einen Silbernen Bären für die Darstellerin der Sunny, Renate Krößner. Der Film, der zudem internationale Preise erhielt, war in der DDR mit 1,6 Millionen Kinobesucher*innen ein Kassenschlager. In der BRD wurde er zu einem großen künstlerischen und symbolischen Erfolg; das ZDF erwarb bereits zwei Jahre nach der Kinopremiere die Fernsehrechte.
Sunny, eigentlich Ingrid Sommer, träumt von einer Karriere als Sängerin mit künstlerischem Anspruch, tingelt jedoch lediglich mit einer mittelmäßigen Tanzkapelle durch die Provinz. Die Bezahlung ist schlecht, das Publikum oft desinteressiert. Nebenher arbeitet Sunny an einem Soloprogramm. Eine Affäre mit dem Saxophonisten und Philosophen Ralf fädelt sie keck ein, doch sie scheitert prompt mit Knalleffekt, noch bevor sich eine Beziehung entwickeln kann. Immerhin hat Ralf ihr zuvor den Text für einen neuen Song geschrieben.
Auch mit der Band läuft es schlecht: Für ihre Wehrhaftigkeit gegenüber allzu groben Annäherungsversuchen ihrer ansonsten phlegmatischen Kollegen rächt sich die Truppe mit Sunnys Rausschmiss und ersetzt sie durch eine aalglatte Konkurrentin. Sunny setzt alles auf eine Karte und versucht, ihr eigenes Programm auf die Bühne zu bringen – musikalisch anspruchsvoll und stilbewusst. Doch auch das gehobene Publikum im Club reagiert kühl und desinteressiert. Sunny ist am Boden.
Nach einem Suizidversuch rappelt sie sich langsam wieder auf, kehrt vorübergehend in ihren alten VEB-Job zurück, hält es dort jedoch nicht lange aus. Zweifel an den eigenen künstlerischen Ambitionen machen sich breit. Die Jahreszeit wechselt, tiefer Winter liegt über der Stadt, als Sunny in einem Prenzlauer Proberaum vor eine junge Band tritt und sich als Sängerin vorstellt. Sie wird vorsingen. Sie gibt nicht auf.
Was den Film bis heute sehenswert und unterhaltsam macht, ist seine Mischung aus Zeitkapsel, Zeitlosigkeit und allgemeingültigen Lebenserfahrungen. Die Figur der Sunny ist eine ausgesprochen individualistische, wehrhafte und selbstbewusste, zugleich aber verletzliche Persönlichkeit, die sich nicht unterordnen will – weder Männern noch Kollektiven, gesellschaftlichen Konventionen oder dogmatischen Idealen. Dafür zahlt sie immer wieder einen Preis. Rückschläge, Rauswürfe und Trennungen sind für die junge Schlagersängerin zahlreicher als Erfolge. Am Ende bleibt ein Hoffnungsschimmer: eine neue Chance auf künstlerische Selbstverwirklichung.
„Solo Sunny“ ist in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnlicher Konrad-Wolf-Film und markiert eine späte Zäsur sowohl in seinem Werk als auch im DEFA-Kino insgesamt. Ungewöhnlich ist er vor allem, weil Wolf sich hier von den großen historischen und politischen Stoffen seiner früheren Filme entfernt. Werke wie „Ich war neunzehn“, „Der geteilte Himmel“ oder „Mama, ich lebe“ sind stark von Zeitgeschichte, antifaschistischer Erinnerung und kollektiven Erfahrungen geprägt.
„Solo Sunny“ hingegen konzentriert sich fast ausschließlich auf eine individuelle Figur, ihren Alltag, ihre Gefühle und Widersprüche. Der Film ist persönlich, gegenwartsnah und subjektiv – weniger ideologisch aufgeladen als die meisten früheren Arbeiten Wolfs. Er selbst sprach davon, dass ihn dieser Film besonders herausgefordert habe, weil er nicht mehr aus historischer Distanz erzählen konnte.
Der Einfluss von Wolfgang Kohlhaase ist bei „Solo Sunny“ kaum zu überschätzen. Er bringt seine typische dialogische Lakonie, seinen Berliner Tonfall und seinen genauen Blick für Alltagsdetails ein. Die Sprache der Figuren wirkt unpathetisch, authentisch und beiläufig, oft getragen von trockenem Humor und leiser Melancholie. Kohlhaase interessiert sich weniger für klare Botschaften als für Ambivalenzen und Brüche. Diese Haltung prägt „Solo Sunny“ entscheidend: Der Film erklärt seine Figur nicht, er beobachtet sie – und wir beobachten mit. Sunny wird weder idealisiert noch verurteilt. Die Erzählweise trägt deutlich Kohlhaases Handschrift, was Konrad Wolf durch einen Co-Regie-Credit sichtbar bestätigte.
Der Film zeigt einen nüchternen, unspektakulären Alltag: Provinzauftritte, schlecht bezahlte Jobs, enge Wohnungen, Kneipen, Proberäume, Nebenfiguren mit eigenen Brüchen. Dieser Realismus ist nicht sozialkritisch im agitatorischen Sinne, sondern beobachtend und lebensnah. Kameraarbeit, Dreharbeiten an realen Schauplätzen, Musik und insbesondere das Spiel von Renate Krößner tragen entscheidend zu dieser Authentizität bei. Die DDR erscheint weder als Utopie noch als dystopischer Raum, sondern als Lebensrealität mit begrenzten Möglichkeiten – insbesondere für junge, kreative Menschen.
Mit „Solo Sunny“ und seinem Erfolg beim DDR-Publikum wie auch bei westlichen Kritiker:innen wird eine Abkehr vom dogmatischen Erzählen des sozialistischen Realismus sichtbar – und belohnt. Der Film bietet keine eindeutige Entwicklung „in die richtige Richtung“, keine klare moralische Auflösung. Sunny scheitert, zweifelt, macht Fehler – und bleibt dennoch dieselbe. Es gibt keinen erzieherischen Schluss, keine Integration in eine gesellschaftlich funktionale Rolle. Eine solche Offenheit war innerhalb der DEFA selten und wurde häufig verhindert; in „Solo Sunny“ wurde sie toleriert, nicht zuletzt aufgrund des besonderen Ansehens Konrad Wolfs als Regisseur und Präsident der Akademie der Künste.
Die Figur der Sunny steht exemplarisch für eine Form von Non-Konformität, die nicht offen oppositionell ist, sich aber auch nicht anpasst. Sie verweigert sich festen Beziehungen, klaren Karrierewegen und der Erwartung, „vernünftig“ zu leben. Der Film macht deutlich, dass diese Haltung nichts Heroisches hat: Sie bedeutet Einsamkeit, Unsicherheit und emotionale Verletzbarkeit. Sunny wird jedoch nicht als Problemfall gezeichnet, sondern als jemande, die an gesellschaftlichen Normen reibt, ohne sie vollständig abzulehnen oder bekämpfen zu wollen.
Im Zentrum von Sunnys Geschichte steht das Ringen um künstlerische Selbstachtung unter materiellen und strukturellen Zwängen. Sunny möchte singen, aber nicht um jeden Preis. Die Auftrittsbedingungen, das Repertoire und die Austauschbarkeit von Unterhaltungskünstler:innen untergraben ihr Selbstverständnis als Künstlerin. Der Film zeigt klar, dass künstlerische Integrität hier nicht vorausgesetzt ist, sondern als alltäglicher, oft frustrierender Aushandlungsprozess entsteht. Sunny bleibt „Solo“ – nicht aus Stolz, sondern weil Anpassung für sie einen zu hohen inneren Preis hätte.
Insgesamt ist „Solo Sunny“ ein Schlüsselwerk des späten DEFA-Kinos: persönlich, widersprüchlich und offen. Der Film verbindet Konrad Wolfs humanistische Haltung mit Wolfgang Kohlhaases skeptischem Realismus und schafft ein Porträt, das bis heute zeitlos wirkt – gerade weil es keine einfachen Antworten gibt. (dakro)
„Solo Sunny“, DDR 1980, 104 Min., 35 mm, Farbe; Regie: Konrad Wolf; Co-Regie: Wolfgang Kohlhaase; Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase, Dieter Wolf; Kamera: Eberhard Geick; Montage: Evelyn Carow; Musik: Günther Fischer; Ton: Konrad Walle; Szenenbild: Alfred Hirschmeier; Kostüme: Rita Bieler; Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme (Künstlerische Arbeitsgruppe „Babelsberg“); Darsteller:innen: Renate Krößner (Sunny), Alexander Lang (Ralf), Heide Kipp, Dieter Montag, Klaus Brasch, Fred Düren u. a.

