Der Regisseur und Filmproduzent Lars Jessen ist mit dem Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein ausgezeichnet worden. Ministerpräsident Daniel Günther überreichte ihm am 16. September 2020 in Büdelsdorf die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung. Den mit 5.000 Euro dotierten Förderpreis erhielt die Slam Poetin Mona Harry.

Lars Jessen (rechts) und Helge Albers (Leiter der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein) bei der Preisverleihung (Foto: Facebook/Filmkultur.SH)

In seiner Rede würdigte der Regierungschef die neuen Träger des Kunstpreises: “Lars Jessen und Mona Harry schaffen es in ihren Werken, das Norddeutsche so zu pointieren, dass es das Herz berührt. Beide machen das unvergleichlich und auch unvergleichlich gut”, sagte er. Der Regisseur und die Slam Poetin würden mit der Kamera und mit Worten mit viel Gefühl, Wortwitz sowie einem unvergleichlichen Blick auf die Menschen und die Umgebung schleswig-holsteinische Besonderheiten und Ereignisse ausdrücken.
“Ich fühle mich in der Kunst der beiden zuhause. Für mich ist das Kunst mit Heimatgefühl-Faktor und auch mit Kult-Faktor”, so Günther. So seien die Filme von Lars Jessen ein absolutes Muss für alle, die norddeutsche Charakterstudien mögen. Die Förderpreisträgerin Mona Harry sei längst kein Geheimtipp mehr, denn sie fange mit ihren Worten das Lebensgefühl von unzähligen Menschen ein.
Der Kunstpreis des Landes wird seit 1950 verliehen. Geehrt werden alle zwei Jahre Künstler, die in Schleswig-Holstein geboren sind, im Land wirken oder für das Land eine besondere Bedeutung haben. Preisträger sind unter anderem der Jazzmusiker Nils Landgren, der Dichter Günter Kunert, die Klarinettistin Sabine Meyer, der Tenor Klaus Florian Vogt und der Maler Klaus Fußmann. Der Ministerpräsident verleiht den Preis auf Vorschlag des Künstlerischen Beirats unter Vorsitz von Kulturministerin Karin Prien.
(nach einer Pressemitteilung der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein)

Laudatio für Lars Jessen von Dr. Bernhard Gleim

Wie sollen wir einen Regisseur, den Filmerzähler Lars Jessen ehren?

Indem wir von seinen Geschichten erzählen. Beginnen wir ganz konkret.

Fangen wir an mit dem 17jährigen Nils, der vor einem Schritt steht, den er nicht gerne geht. Eigentlich wollte er in der Stadt bleiben und nicht mit seiner Mutter in eine Landkommune ziehen, deren Mitglieder altgewordene Rebellen sind, die von einem besseren Leben träumen, aber dem Jungen nur den Platz einräumen, den ihr Kreisen um sich selbst übrig lässt.

Eigentlich möchte Nils wieder weg.

Aber er bleibt, weil er zu seiner Mutter hält, auf die er – in einer komischen Verdrehung der Beziehung – glaubt aufpassen zu müssen. Und er kann bleiben, weil er über eine notwendige Begabung verfügt:

Er kann beobachten, blickt neugierig auf die unerwachsenen Erwachsenen. Er muss sich in dieser Welt orientieren, in ihr wachsen.

Kunstpreisträger*innen Lars Jessen (links), Mona Harry und Ministerpräsident Daniel Günther (Foto: Staatskanzlei SH)

Anders als die Mitglieder der Landkommune findet er wirklich den Kontakt zu den Bewohnern des Dorfes, nach und nach verbinden sich in seiner Person die beiden Welten. Hier das Dorf, dort die Welt einer Kommune, die wie ein Raumschiff auf der grünen Wiese hinter dem Deich gelandet zu sein scheint.

Sie merken schon, ich rede von dem Film Der Tag als Bobby Ewing starb (2004), dem Film von Lars Jessen, mit dem er über seine Fernseharbeiten hinaus zuerst größere Beachtung fand. Der 17jährige Nils ist oft als Alter Ego seines Regisseurs verstanden worden, und die biografischen Bezüge sind tatsächlich vielfältig und deutlich.

Entscheidender aber scheint mir, dass hier ein Filmerzähler am Stoff der eigenen Erinnerung zu seiner Haltung findet.

Wahrnehmen und beobachten, weil sonst die fremde Welt immer fremd bleiben, das Fremde niemals zum Eigenen werden kann. Verlässlich sein, verbunden bleiben, damit man den Weg zu sich selbst findet.

Lars Jessen ist Anhänger des THW Kiel, er ist in der Landeshauptstadt geboren, er wohnt am Brahmsee und im ehemals holsteinischen Altona und außerdem hat er sein Abitur an der Gelehrtenschule in Meldorf gemacht. An waschechtem Schleswigholsteinertum ist also kein Mangel.

An dieser Meldorfer Gelehrtenschule ist Lars einem aus Süddeutschland zugezogenen Lehrer begegnet, der eine VideoAG gründete – ein Hoch auf alle Lehrer, die in Kunst, in Musik-AGs schulische Freiräume schaffen ! – und dieser Lehrer, so hat es mir Lars einmal erzählt, hat das merkwürdige Völkchen der Dithmarscher mit liebevoller Neugier beobachtet, das war ein Bildungs- und vielleicht sollte man besser sagen, ein Haltungserlebnis für Dich, Lars. Ein Stück weit Außenperspektive einnehmen, zugehörig werden und bleiben.

Nach außen, an die Grenzen des meerumschlungenen Landes zieht es Lars Jessen in seinen Filmen häufig. In Bobby Ewing an die Elbe, die ganz bewusst in Szene gesetzt wird:

Das grüne Band des Deiches, der glitzernde Strom, der in unendliche Möglichkeiten zu führen scheint, und doch schiebt sich am Ende immer der Betonkoloss des Atomkraftwerks ins Bild, sitzt dort wie ein grauer Diktator in der Landschaft. Nur in einer Szene verschiebt der Regisseur diese Bildachse, die beiden jungen Leute, die sich gefunden haben, Nils aus der Kommune und seine Freundin Martina vom Dorf, radeln über den Deich, zwei Strandkörbe stehen einander zugewandt auf der Deichkante, eine Liebe unter norddeutschem Himmel, sie fahren aber nun vom Atomkraftwerk weg, – ins Offene, Freundin! – klettern dann später über den Bauzaun und zerstechen die Reifen der Baumaschinen.

Widerstand und Lebensglück fallen hier ineinander. Ganz ähnlich wie später beim Aufrichten des Windrades, eines schrappelig- altmetalligen Windrades. Das richten Leute auf, die das Leben selbst auch schon ziemlich abgewetzt hat, und doch wird es zu einem Symbol, einem Vorzeichen für eine Gesellschaft, in der nicht gegen die Natur, sondern mit der Natur gearbeitet wird.

Lars erzählt seine Geschichten ohne Druck und Überhöhung. Er ist ein gelassener Beobachter, der manchmal wie ein fünfter Mann in der Szene zu stehen scheint, der sie geschehen lässt, so als sei es das Leben selbst, das sich gerade hier und jetzt ereignet. Wenig passiert als ganz großes Drama, das meiste passiert als Alltag, wobei die Gleichzeitigkeit, mit der im Leben so vieles passiert, gegenwärtig bleibt.

Der Tag als Bobby Ewing starb, ist der Tag, an dem ein 17jähriger eine große Liebe erlebt, ist der Tag, an dem der Reaktor in Tschernobyl schmilzt, ist der Tag, an dem aus ein paar Späthippies ein angstbesetzter Haufen wird, der schließlich an der zuvor sorgsam zugedeckten Aggressivität zerbricht. Filme von Lars Jessen kann man manchmal – vielleicht erst nach einer gewissen Zeit – auch als Sozialbiographien ansehen, in denen hinter einer Geschichte die Kontur einer bestimmten Kultur, einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Landschaft deutlich wird.

Kann man den Filmerzähler Lars Jessen also einen Heimaterzähler nennen?

Sicher nicht, wenn man an den kontaminierten Heimatbegriff denkt, auf dem das Warnsymbol für toxische Substanzen stehen müsste, Heimatgefühl, das sich an feindlicher Abgrenzung gegen andere stärkt. Heimat ist aber auch nicht der Herbstblumenstrauß vor dem hellblau gestrichenen Fensterrahmen im Friesenhaus. Diesen Heimatbegriff können wir getrost dem ZDF-Sonntagsfilm überlassen.

Nein, in den Heimaterzählungen von Lars Jessen geht es eher komisch, turbulent, aber auch manchmal verzweifelt zu. Es sind häufig junge Männer, die wegwollen und dabeibleiben müssen, und die, wenn sie dann doch weg sind, etwas verloren haben, Freundschaft, eine einmalige Zeit im Leben.

Da lagern die Dorfpunks (2009) am Hessenstein, da oben an der Ostsee… im Film ist das eigentlich nicht mehr als eine Ansammlung von großen Steinen auf einer Anhöhe, da hängen sie ab, trinken Bier, ein Ort der Freiheit ist das, eine Art Abflug- und Landeplatz für weitreichende Ideen, für Träume. Grandios die Szene, als sie die Strandkörbe am Strand abfackeln, die brennen in der Nacht wie Leuchtzeichen, wie SOS-Signale der Freiheitssehnsucht.

In dem Dithmarscher Road Movie Die Schimmelreiter (2008) folgen wir dem Lebensmittel-Kontrolleur Fuchs, gespielt von Peter Jordan, dem sein Begleiter Tilman, gespielt von Axel Prahl, wie eine böse Zecke in den Pelz gesetzt ist. Zu zweit fahren, fast „fliegen“ die ungleichen Helden in einem hellblau-weißen Buick über die kalte Marschlandschaft. Auf einer wahnwitzigen Reise von Imbiss zu Imbiss, von Frittenfett zu Frikadelle, wie zwei aneinandergekettete Sträflinge.

Immer wieder sieht man die beiden am Meer, als ob ihnen das Meer etwas erzählen könnte, was sie noch nicht über sich wissen. Ein schwacher Glanz liegt über der fast stumpfen Wattfläche. Kannst Du nicht einmal die Ruhe genießen? sagt Tilmann. Die Erfahrung des Scheiterns im Leben hat bei ihm zu einer jederzeit sprungbereiten Aggressivität geführt, für ihn ist Dithmarschen so etwas wie ein letzter Fluchtpunkt. Während der hibbelige Lebensmittelkontrolleur Fuchs so schnell wie möglich zur nächsten Spielhalle möchte und sowieso und überhaupt am liebsten in Hamburg wäre.

Mit der Heimat im Herzen die Welt umfangen. So hat das mal eine große norddeutsche Regional-Zeitung als Motto formuliert. Aber dieses Motto ist falsch, weil es eben immer noch eine andere Welt gibt, in der man nicht ist, in die man sich hinaussehnt.

Wir dürfen gespannt sein darauf, wie Lars Jessen die Verfilmung von Dörte Hansens Mittagsstunde angehen wird, die Geschichte von jemandem, der zurückkehrt, nicht nur, weil da ein ungeklärter Rest Vergangenheit ist, der aufgeklärt werden muss, sondern weil er eine Dankesschuld abzutragen hat. Heimatsuche als Versöhnung.

Spätestens hier möchte ich mir selbst ins Wort fallen: „Du vergisst das Wichtigste, wenn du das Wort Heimat zu sehr betonst. Lars ist ein Menschenerzähler, das ist des Pudels Kern!“

Was für starken und unverkennbaren Gesichtern und Charakteren begegnet man in seinen Filmen. Gesichtern, in denen sich Lebensgeschichten spiegeln, Eigensinn, Widerstandskraft, in der Sprache wird schon eine Haltung markiert,

Gesichtern mit Street Credibility, würde man neudeutsch sagen.

Und diese Gesichter empfinden wir manchmal schon deswegen als komisch anders, weil sie so gar nichts mit den oft glattgewaschenen Gesichtern des deutschen Mittelschichtsfernsehens zu tun haben.

Bei Lars Jessen stößt man häufig auf dieselben Schauspieler, er hält ihnen die Treue, aber Schauspieler im engeren Sinne sind das manchmal gar nicht, häufig Leute aus anderen Szenen, die etwas ganz Kostbares und Eigenes mit in den Film bringen: Rocko Schamoni, Olli Schulz, Heinz Strunk.

Wenn man an den Film Jürgen- heute wird gelebt (2017), mit dem Wahnsinnsduo Heinz Strunk und Charly Hübner auf Frauensuche in Polen denkt, dann will man gleich auch noch von Friederike Kempter und Peter Heinrich Brix sprechen, von den starken Dialogen des Autors Heinz Strunk, überhaupt die Autoren erwähnen, mit denen Lars arbeitet:

Nobert Eberlein, Elke Schuch, Ingo Heeb, Frank Schulz, Andy Altenburg, sie alle sind im Erzählnetz von Lars. Und er webt damit einen Kosmos, wie man ihn, um einen Vergleich zu nehmen, so ähnlich im britischen Kino mit seinem Realismus finden kann, oder etwa, um eine deutsche Referenz zu erwähnen, im Werk von Franz Xaver Bogner in Bayern:

Das ist eine moderne Form des Heimatfilms, in dem Nonsens, Drastik, Popkultur vorkommen kann. Da wird keine heile Welt erzählt,

uns wird aber der Gedanke nahelegt, dass die heile Welt, wenn es sie denn gäbe, im Norden liegt und Geschmack und Mundart, Wind und Wetter, Wärme und Nähe hat.

Dadurch dass Lars so viel Raum im Erzählen lässt, findet man manchmal Fundstücke in seinen Filmen, Bernsteine, bei denen man förmlich spürt, wieviel Spaß die Szene schon beim Dreh gemacht haben muss. Ich liebe es zum Beispiel, wie Axel Prahl in den Dorfpunks das Pudellied eines norddeutschen Großmeisters der Komik, Ernst Kahl, mitsingt: Der schönste Hund im Rudel, das ist und bleibt der Pudel.

Lieber Lars, als ich mein Lob für Dich so um die Begriffe Loyalität, Zugehörigkeit, Komik, entspanntes Beobachten zimmerte, wurde ich immer wieder von einer Erinnerung unterbrochen, nämlich der Erinnerung daran, wie es ist, Dich am Set, beim Dreh zu besuchen.

Wer Filmarbeit kennt, weiß, dass da häufig keine besonders angenehme Atmosphäre herrscht, manchmal hat man den Eindruck, eine Art Reizgas liege in der Luft. Die Leute sind im Stress, in der ungeklärten Spannung von Anspruch und Drehrealität. Das ist bei Deinen Dreharbeiten ganz anders.

Denn da haben wir es wir es wieder, Zugehörigkeit und gelassene Beobachtung, da haben wir Dich wieder, lieber Lars, Du bist ein Genie in Freundlichkeit und in Freundschaft. Bei Dir spürt man die Prouktivität des Kollektiven. Man sieht einem gelassenen Filmerzähler zu, der sich etwas erzählen lassen kann, weil er selber etwas zu erzählen hat.

Du hast den Preis verdient, wir hören und sehen Dir gerne zu!

 


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