70. Internationale Filmfestspiele Berlin – Berlinale 2020

Panorama:

Ein Mann fällt vom Baum

“Exil / Exile” (Deutschland / Belgien / Kosovo 2020, Visar Morina)

Es kommt Xhafer (MiÅ¡el Matičević) schon komisch vor, dass er als einziger auf den Beginn eines Meetings wartet, das schon 20 Minuten zuvor begonnen haben müsste. Erst auf Nachfrage erfährt er, dass der Veranstaltungsort kurzfristig verlegt, dies aber per E-Mail durchgegeben worden sei. Xhafer hat die Nachricht nicht erhalten, was bereits zum zweiten Male passiert ist. Es ist wirklich peinlich, sich als einziger bei einer wichtigen Versammlung derart zu verspäten. Xhafer spricht seinen Kollegen Urs (Rainer Bock), von dem er hätte informiert werden sollen, darauf an. Urs redet sich raus.
MiÅ¡el Matičević in “Exil” (Foto: Komplizen Film)
Die erste tote Ratte hängt einfach nur an der Eingangspforte des Einfamilienhauses, in dem Xhafer zusammen mit seiner Frau Nora (Sandra Hüller), den Töchtern Rosa und Emily und dem Kleinsten wohnt. Es sollen viele weitere tote Ratten folgen. Xhafer hat eine Ratten-Phobie. Das ist besonders fatal, weil in der Pharmafirma, in der er tätig ist, sowieso stets eine Unzahl von Rattenleichen aus den Tierversuchen anfällt. Irgendjemand scheint den Ablauf des Entsorgungsprozesses zu kennen und sich “rechtzeitig” an den Kadavern zu bedienen.
Xhafer hat Urs in Verdacht und spricht ihn darauf an. Dieser redet sich wieder raus. Urs liefert auch Datenmaterial nicht, das Xhafer für seine Präsentationen benötigt; er lässt Xhafer immer wieder auflaufen.
Dass er in der neuen Firma – Xhafer arbeitet seit zwei Jahren dort – solche Schwierigkeiten habe, brauche nicht unbedingt mit seiner nicht-deutschen Herkunft zu tun zu haben, meint Nora. Schließlich sehe er nichtmal arabisch oder sonstwie exotisch aus. Vielleicht mögen sie ihn einfach nur nicht?
Nora weiß ja, wie schwer sich manche Menschen mit “Fremden” tun. Ihre Mutter (Corinna Kirchhoff) war lange Zeit auch nicht frei von Vorbehalten gegenüber dem aus dem Kosovo stammenden Xhafer. Jetzt steht die Feier anlässlich ihres 70. bevor, und immerhin ist Xhafer eingeladen. Er will aber nur kommen, wenn die Schwiegermutter bei der Gelegenheit vor allen Gästen zu sagen bereit ist, dass sie es endlich akzeptiere, “einen Kanaken als Schwiegersohn zu haben”.
Sandra Hüller in “Exil” (Foto: Komplizen Film)
Nora hat für die Familienarbeit ihre Karriere als Wissenschaftlerin hintangestellt und ist dabei, ihren PhD zu machen. Ab und zu hat sie deswegen Besprechungen mit ihrem Doktorvater. Xhafer vermutet, dass sie ihn betrügt, und spioniert ihr hinterher. Offenbar schließt Xhafer von sich auf andere: Eine albanisch-stämmige Reinigungskraft ist ihm für Quickys auf der Firmentoilette gut genug, aber wenn sie Hilfe benötigt – für Übersetzungen, Hilfe beim Ausfüllen von Formularen oder wozu-auch-immer -, darf sie ihn in der Firma nicht ansprechen. Was auch ihr elfjähriger Sohn mitbekommt.
Düsternis regiert überall; Xhafer bewegt sich in der Firma durch beige-braune, Labyrinth-artige Flure, und auch zu Hause regieren künstliches Licht und Schatten (Szenenbild: Christian Goldbeck). Die Kamera (Matteo Cocco) verfolgt Xhafer auf Schritt und Tritt und dokumentiert gnadenlos die stets vorhandenen Schweißtropfen auf seinem Nacken. Er habe die Kamera während des Drehens gar nicht mehr gespürt, meint MiÅ¡el Matičević. Der Berliner Schauspieler mit kroatischen Wurzeln hat für die Rolle des Xhafer extra einen winzigen Akzent angelegt.
Noch zahllose weitere, jeweils glänzend besetzte Nebenfiguren wie beispielsweise Xhafers Büro-Nachbar Manfred (Thomas Mraz) und der Vorgesetzte Herr Koch (Uwe Preuss) bestärken Xhafer in der fixen Idee, seiner Herkunft wegen ein Ausgestoßener zu sein; er entwickelt geradezu eine Paranoia. Seine Frau Nora verfolgt dies aus nächster Nähe, kann ihn aber nicht beruhigen. Doch durch einen unerwarteten Todesfall beginnt Xhafer zu begreifen, dass sein Erklärungsmodell der Feindseligkeit aller gegen ihn der Realität so nicht standhält.
Mit der Idee für “Exil” als Titel habe die Arbeit am Film für ihn angefangen, meint der Regisseur Visar Morina, der selbst im Alter von 15 Jahren als Flüchtling aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen ist. Nichtsdestotrotz handle es sich eigentlich um die Geschichte einer Entfremdung, die – unabhängig vom persönlichen Hintergrund – einem und einer jeden widerfahren könnte. Tonalität und Stimmung seien die wichtigsten Ausgangspunkte für ihn gewesen. Innerhalb von drei Monaten sei so die erste Drehbuchfassung entstanden. Bereits 2018 wurde dem Werk der Deutsche Drehbuchpreis zuerkannt.
Der Gang der Handlung von “Exil” ist jedenfalls äußerst vielschichtig und durchaus überraschend. Visar Morina gelingt es zudem, ein komplexes soziales Milieu zu zeichnen, das immer mehr Zusammenhänge und Aspekte offenbart und durchaus realitätsnah ist. Auch schockierende Bilder wie die der Ratten – eine laut Morina aus Orwells “1984”entlehnte Idee – kommen nicht als Effekthascherei und überdeutliche Allegorie daher, sondern sind bemerkenswert realistisch im Plot verankert.
MiÅ¡el Matičević spielt die Figur des Xhafer mit genau der Ambivalenz, die er laut eigener Aussage beim Lesen des Scripts empfunden hat. Als Xhafer zitiert er ein albanisches Sprichwort, als er seiner Frau Nora begreifbar machen möchte, dass sie ihn nicht wirklich verstehen kann. Darin ist von einem Mann die Rede, der von einem Baum herunterfällt und sich verletzt. Als die Verletzungen verheilt sind, möchte er nur noch mit Menschen sprechen, die ebenfalls vom Baum gefallen sind. Dass Xhafer es am Ende doch schafft, einen Schritt weiter zu gehen, erfährt man erst in der hoffnungsvoll – oder nicht? – stimmenden Schlussszene, die mit dem ganzen Film voraussichtlich ab Juni 2020 in den deutschen Kinos zu sehen ist. (gls)