Die Filmbriefe der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein (1989 – 2000) auf www.infomedia-sh.org

In der September-Ausgabe 2017 unseres Newsletters www.infomedia-sh.org starteten wir mit einer historischen Serie. Jeden Monat wird in chronologischer Folge eine Nummer des Filmbriefs der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein e.V. (heute Filmkultur SH) im PDF-Format zusammen mit einigen förderungsgeschichtlichen bzw. editorischen Anmerkungen veröffentlicht. Hier Filmbrief Nr. 9 vom Januar 1991.

Anmerkungen zum Filmbrief Nr. 9: Das Koki Kiel und seine langjährige Leiterin Gesa Rautenberg

Der Filmbrief Nr. 9 veröffentlicht in Auszügen aus einem Leserbrief an eine Zeitung die Stellungnahme der Vorsitzenden des Vereins Kulturelle Filmföderung SH, Gesa Rautenberg, zu der teilweise in der Presse geäußerten Kritik, dass die beim Filmforum SH anlässlich der Nordischen Filmtage Lübeck 1990 gezeigten Filme aus der Kinoperspektive ein Mauerblümchendasein führten und deshalb nicht so relevant seien. Gesa Rautenberg konstatiert die völlige Unkenntnis dieser Kritiker, was den Kinomarkt betrifft, denn sonst wüssten sie, dass die gesamte bundesdeutsche Kinoproduktion, ebenso wie der schon damals legendäre skandinavische Kinofilm nur minimale Marktchancen hätte “¦
Viele der jüngeren Filmschaffenden werden Gesa Rautenberg bestenfalls noch vom Hörensagen kennen. Als Mitglied des Kieler Filmclubs, der cineastischen Institution in Kiel seit den 1950er Jahren bis Anfang der 1980er Jahre, wurde sie von diesem, der über Jahre hinweg die Schaffung eines Kommunalen Kinos (KoKi) propagiert und schließlich auch erfolgreich durchgesetzt hatte, als Kinoleiterin dieses damals für Kiel in seiner Art völlig neuen Kinos vorgeschlagen und schließlich auch von der Landeshauptstadt Kiel akzeptiert, die die Pumpe und das darin unter anderen untergebrachte KoKi (heute: Kino in der Pumpe) subventionierte und es heute immer noch tut. Gesa Rautenberg machte sich sehr bald vom Vorstand des Filmclub und dessen angestrebten Mitspracherecht, was die Programmgestaltung betrifft, unabhängig und trat aus dem Filmclub aus, was ihr nach einigen Diskussionen die gewünschte Autonomie und Eigenverantwortlichkeit sicherte.
Das Kommunale Kino in der Pumpe wurde am 8. Mai 1979 eröffnet und schon sehr bald besonders von einem zahlreichen jungen studentischen Publikum angenommen. Endlich war eine fortwährende Alternative zum verkrusteten Kieler Kinomarkt in der Stadt präsent und konnte nicht nur den Nachholbedarf an deutscher und internationaler Filmgeschichte in großen Retrospektiven stillen, sondern sich auch ausgiebig dem deutschen Autorenfilm sowie dem internationalen Dokumentarfilm zuwenden. Viele französische Filme, New Hollywood, aktuelle Filme aus Skandinavien, die großen italienischen Kinostücke, das alles konnte man nun endlich auf einer Kieler Leinwand erleben. Viele Filmveranstaltungen wurden in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen oder z.B. Seminaren aus der Universität durchgeführt. Somit wurden zunehmend Filmdiskussionen – selbstredend auch politische – nach den Vorführungen Usus. Freilich es gab auch Ahnungslose, die das Wort “kommunal” in ihrer weitreichenden Unkenntnis mit “kommunistisch” verwechselten und das Kino für ein solches hielten.
Kiels Kinolandschaft wurde damals von einem lokalen Kinobetrieb monopolistisch beherrscht, der Klaus Scepanik gehörte, der filmpolitisch als Präsident der SPIO auch bundesweit mitmischte. Gesa Rautenberg brach als erste mit dem KoKi in diese Phalanx ein und zeigte Klaus Scepanik, dass es möglich war, das Kieler Publikum für viele andere Filme zu begeistern, denen er selten auf seinen Leinwänden eine Chance gegeben hatte.
Ein Jahr später reagierte Klaus Scepanik und wandelte das relative kleine Regina Kino (186 Sitzpläte) in ein Programmkino um, um dann noch ein Jahr später seinen gesamten Kinopark an die Ufa Filmbetriebe von Hans Riech zu verkaufen. Dieser damals deutschlandweit größte Kinokonzern schaffte es noch für mehr als ein Jahrzehnt, weitere Kinokonkurrenz von der Fördestadt fernzuhalten. Er kaufte z.B. reaktionsschnell das Grundstück der alten Margarinefabrik am Schwedendamm, damit die CinemaxX AG von Hans-Joachim Flebbe keine Chance hatte, sich dort niederzulassen. Doch Mitte der 90er Jahre war es mit Riechs Vorherrschaft auch in Kiel vorbei. Das neue Multiplex-Kino CinemaxX im CAP am Kieler Hauptbahnhof mit acht modernen Kinosälen, darunter zwei mit 600 Sitzplätzen, großen Leinwänden, die von allen Sitzen aus gut sichtbar waren, wurde die neue Heimstätte für Hollywoods Blockbusters. Daneben trauten sich jetzt aber auch andere Programmkinos an die Öffentlichkeit. Neben dem Traumfabrikkino (heute Traumkino) mit dem Kinoleiter Andreas Steffens auch, leider aber nur kurzfristig, das kleine aber feine Max-Kino im Eichhof unter Arne Öllermann.
Gesa Rautenberg spielte weiter landesweit eine gewichtige Rolle in der alternativen Kinoszene, gehörte selbstverständlich zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Kulturelle Filmförderung Schleswig-Holstein e.V. und wurde dann auch seine Vorsitzende. Mit ihrem kompetenten Einsatz für das entgrenzende, reichhaltige, vielseitige Kino war sie Jahrzehnte aus der bundesweiten Szene der kommunalen und Programmkinos nicht wegzudenken und hat ein großes Publikum mit ihren Kinoprogrammen beglückt und bereichert. Und so trifft dann folgende Charakterisierung, die 2004 die damalige Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave anlässlich der Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande der Bundesrepublik Deutschland äußerte, den Kern ihrer Leidenschaft und Arbeit. Das Kieler KoKi sei ihr Kind, der Film ihr Lebensinhalt. Sie sei eine allseits geschätzte wissenschaftlich fundierte Cineastin, die über die Landesgrenzen hinaus Filmarbeit geleistet und dazu beigetragen habe, dass die Filmkunst als junge künstlerische Disziplin anerkannt wurde und im Kanon der etablierten Kunstformen aufgenommen worden sei (Vgl.: www.infomedia-sh.org/aktuell/0410/verdienstkreuz_rautenberg.html).
Gesa Rautenberg wurde beim Filmfest Augenweide 2003 für ihre Verdienste um das KoKi und die schleswig-holsteinische Filmszene geehrt (Foto: jm)
Nach 24 Jahren Arbeit für das Kommunale Kino in Kiel ging Gesa Rautenberg 2003 in den Ruhestand. Ein ausführliches, immer noch sehr lesenswertes Interview mit Gesa Rautenberg wurde für infomedia-sh.de im gleichen Jahr geführt. Es liest sich wie eine kleine Geschichte des Kommunalen Kinos Kiels.