12. Filmfest Schleswig-Holstein – Augenweide 2008

Der Blick ins Andere

Kurze Blicke auf einige Filme des Kurzfilmabends der Augenweide 2008

Es ist fast schon Tradition, dass die Augenweide ein Musikvideo im Kurzfilmprogramm hat. Zurecht, denn dieses Genre birgt hohes filmbildnerisches Kreativpotenzial, wie auch Christian Theedes „Nach dem Goldrausch“ zum gleichnamigen Song der Band FOTOS zeigt. Theede stellt die Musiker in die Zentralperspektive einer langen Rennbahn (Aufwärmbahn im Berliner Olympiastadion), die durch die Untersicht der Kamera noch mehr Tiefe gewinnt. Und auf dieser Bahn werden nicht nur die Musiker, sondern auch Equipment und Boxen ruckartig animiert wie Schachfiguren verschoben, im Rhythmus des Songs wie die zuckenden LED-Anzeigen an einem Mischpult. Eine dynamische Bildidee, die zudem durch die Mischung von Real- und Trickfilmhaftem für sich einnimmt.

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Filmbilder zuckend wie die Aneinanderreihung einzelner Fotos (und Film ist ja letztlich technisch nichts anderes) sieht man auch im experimentellen Kurzfilm „Capture“ von Florian Sonntag. Wie die Kamera einer Überwachungsdrohne jagen die Blicke durch die Schluchten zwischen Hochhäusern in unschuldigem Weiß. Öffentliche Räume, die dennoch unbevölkert sind, leere und damit bedrohlich wirkende Stadtlandschaften, durch die die Kamera als Flüchtiger, Gehetzter unterwegs ist. Dennoch entsteht durch die bildliche Verfremdung (Zeitraffer, perspektivische Vexierbilder durch Kamerafahrt und gleichzeitiges Zoomen) eine eigentümlich elegische Stimmung inmitten der Dickichte aus Beton. Die Stadt als Bilderdschungel und unerforschtes Land wie der Blick des Beobachters in sein Inneres.

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Surreale Bilder, die den anderen Blick provozieren, finden sich auch in den Animationsfilmen „Birdies“ und „Kurzes Leben“. Ute Storm inszeniert in „Birdies“ eine Mutprobe einer bunt gemischten Vogelfamilie. Wem gelingt es, kurz vor einem vorbeirauschenden Fahrzeug noch über die Straße zu flattern? Doch wie sich zeigt, ist nicht diese Waghalsigkeit die eigentliche Mutprobe. Vielmehr, wenn man vom Äußeren ins Innere gelangt. Einer der Vögel wird beim Sturzflug von einem Radfahrer verschluckt und reist nun durch dessen Körper. Eine Reise, die Storm in psychedelischen Pop-Art-Bildern animiert, fast wie im Drogenrausch. Rausch und Realitäten zwar nur in einem „Comic“, aber doch realistisch-surreal einander entgegengesetzt.

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„Kurzes Leben“ von Johanna Freise und Daniel Šuljić basiert auf einem Comic von Johanna Freise um die kurze aber intensive Reise eines Mädchens vom Leben zum Tod – oder umgekehrt? Schon Freises Comic-Bilder sind in ihrem expressiven Blei- und Buntstiftstrich eindrucksvoll und verstörend, noch mehr derlei Qualitäten gewinnen sie in der Animation. Die Reise des Mädchens, angestoßen von der Prophezeiung einer Wahrsagerin, in ihre Innenwelt ist die Reise in ein Pandämonium dantescher Prägung. Sartres Satz, dass die Hölle (wie der Himmel) in uns selber sei, scheint hier bebildert. Ebenso die (psychoanalytische) Erkenntnis, dass das gefährlichste Terrain in uns selbst liegt, in unseren Abgründen, von denen die Welt vielleicht nur ein Abbild ist – im „Korridor ohne Anfang und Ende“. „Kurzes Leben“ ist eine filmisch-malerische Arbeit, die sich solcher „Gefahr“ bedingungslos und daher aufrührend stellt.

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Vielleicht ist die Welt aber doch draußen besonders feindlich, ein Ort, wo wir unser Inneres verlieren – aber auch wiedergewinnen – können. Daniel ist einer jener Jugendlichen, die sich chancenlos nur noch als „Restmüll“ der Gesellschaft empfinden. Der gleichnamige Dokumentarkurzfilm von Barbara Dingfelder porträtiert Daniel und seinen fluchthaften Kampf um die eigene Würde. In der Szene Kieler Skater hat Daniel so etwas wie eine vorläufige, freilich dennoch labile Heimat gefunden. Nach der „Endstation Sehnsucht auf der Sonderschule“ und einschlägigen Drogenerfahrungen hat Daniel nunmehr „keinen Bock mehr auf irgendwelche chemischen Sachen“. Seine „Droge“ heißt jetzt Skaten. Auf dem Brett mit vier Rollen fasst er wieder Tritt im Leben – oder rollt er ihm erneut davon in eine andere Welt?
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Karl-Marx-Stadt 1985: Zur „Klärung eines Sachverhalts“ wird Jürgen Schulz bei der Staatssicherheit vorgeladen. Er und seine Frau Sybille haben einen Reiseantrag in die BRD gestellt und sind damit zu potenziellen Staatsfeinden geworden. Der Stasi-Offizier zieht im Verhör alle Register der psychologischen „Kriegsführung“ gegen den ansonsten linientreuen Parteigenossen Schulz. Durch geschickte Kreuzmontage mit dem scheinbar glücklichen Familienleben der Angeklagten (die erste Wohnung ist da, ein Kind unterwegs) spitzen die Regisseure Sören Hüper und Christian Prettin die dialektischen Gegensätze zu. Auch hier, in einem dikatorischen Überwachungsstaat, liegen also Welt und Gegenwelt, Familienidyll und Repression nah beieinander, verzahnen und verkrallen sich in einander. Wer Täter, wer Opfer ist, wird dabei zunehmend unklar – ganz wie im wirklichen Leben, wo wir vermutlich immer beides sind. Eine Parabel auf die Widersprüche im Leben und seinen Entwürfen, die allerdings dadurch etwas abfällt, dass wir Verhörszenen in „Das Leben der Anderen“ schon deutlich beklemmender und surrealer erlebt haben. (jm)

„Nach dem Goldrausch“: Christian Theede, D 2007, 3:46 Min., Buch, Regie, Schnitt, Produktion: Christian Theede, Kamera: Martin D’Costa. Unterstützt von der Filmwerkstatt Kiel der FFHSH

„Capture“: Florian Sonntag, D 2007, 8:10 Min. Unterstützt von der Filmwerkstatt Kiel der FFHSH

„Birdies“: D 2008, 5:46 Min., Buch, Regie, Animation: Ute Storm, Schnitt: Ute Storm, Gregor Stockmann, Musik: Frédéric Dubos, Heinz-Erich Gödecke, Stimmgeräusche: Kati Luzie Stüdemann, Ton: Muhammad Abdus Satter, Tonmischung: Sascha Prangen. Premiere. Gefördert von der Filmwerkstatt Kiel der FFHSH

„Kurzes Leben“: D 2007, 9:03 Min., Buch: Johanna Freise, Regie: Daniel Šuljić, Johanna Freise, Bild/Animation: Johanna Freise, Ton: Daniel Šuljić, Stimmen: Meret Becker, Florian Schmeiser, Lena Freise, Maja Vukoje, Christian Nisslmüller, Gregor Seberg, Bruno Pisek. Deutschland-Premiere. Gefördert von der Filmwerkstatt Kiel der FFHSH

„Restmüll“: Barbara Dingfelder, D 2007, 14:27 Min., Buch, Regie, Schnitt: Barbara Dingfelder, Kamera, Ton: Barbara Dingfelder, Mario Marten, Florian Dürrkopf, Hauptdarsteller: Daniel Bürger. Unterstützt von der Filmwerkstatt Kiel der FFHSH

„Klärung eines Sachverhalts“: D 2008, 20:10 Min., Buch, Regie: Sören Hüper, Christian Prettin, Kamera: Marcus Kanter, Schnitt: Nikolai Hartmann, Ton: Corinna Zink, Musik: Marian Lux, Darsteller: Josef Heynert, Horst-Günter Marx

Die übrigen am Kurzfilmabend der Augenweide gezeigten Filme – „Dionysos“, „Mars“, „Night Windows“, „Reise zum Wald“ und „Die schiefe Bahn“ – wurden bereits an anderer Stelle in infomedia-sh.de besprochen und daher hier ausgespart.

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