Widerständige Kindheit

Flower & Garnet (Keith Behrman, Kan. 2002)

Eine Ameise kriecht über den Teppich, klein aber ausdauernd. Der 8-jährige Garnet (Colin Roberts) beobachtet sie und es mag sein, dass er sich mit ihr gemein fühlt. Denn Garnet wächst zunehmend verlassen auf. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, wofür ihm sein Vater Ed (Callum Keith Rennie) unausgesprochen die Schuld gibt. Die Mutter muss Garnets 16-jährige Schwester Flower (Jane McGregor) ersetzen. Doch da sie als Pubertierende und nach einer Nacht mit ihrem ersten Freund Schwangere genug eigene Sorgen hat, kann sie sich Garnet nur noch wenig widmen.

Der Junge streift durch die Umgebung, sucht vergeblich nach Halt und Zuwendung. Erst als er sich mit einem zum Geburtstag geschenkten Luftgewehr als Naturbegabung im Schießen erweist, interessiert sich sein mit der Erziehung überforderter Vater für ihn. Ein bedrohlicher Kreislauf kommt in Gang …

Die Kunst des Schießens und des sich Zurechtfindens – Colin Roberts

Keith Behrmans Film ist vordergründig betrachtet nicht viel mehr als eines der auf der Berlinale zahlreich vertretenen Gemälde einer lebensfeindlich gewordenen Gesellschaft, in der Kinder sich zurecht finden müssen. Doch Behrman vermeidet den kritischen Impetus, vermeidet auch die übliche Einteilung in Täter und Opfer. Selbst die Trennlinie zwischen Kindern und Erwachsenen fällt, wenn sich Vater Ed häufig kindlich unreifer verhält als sein Sohn. Und doch ist die Hauptfigur Garnet nicht von Ungefähr ein Kind. Der kindliche Blick auf die Welt, geschärft durch den Zwang zur Widerständigkeit, wirkt entlarvend, zeigt die Welt eben nicht aus der eingeschränkten Perspektive des Kindes, sondern bietet eben diese als eigentlich “zutreffende” an. Wo sich Erwachsene Illusionen über das Leben hingeben, ebenso gerade erwachsen Werdende wie Flower, zeigt das Kind sicheren Weitblick. Trotz der fehlenden Geborgenheit – vielleicht aber auch gerade wegen ihres Fehlens.

Dass auch unter widrigen Umständen Kindheiten nicht scheitern müssen, sondern vielmehr als widerständiger Protest eine “bessere Welt” einfordern, ist Thema in mehreren Berlinale-Filmen über Kinderschicksale (z.B. “Kamchatka” und “Pure”). In “Flower & Garnet” wird dieses Thema unprätentiös, ohne Zeigefinger und als leise erzählte Geschichte über das sich (Wieder-) Finden aufgegriffen. (jm)