Nahrungskette der Identitäten

Identity Kills (Sören Voigt, D 2003)

Manchmal muss man das Leben wie einen Krimi inszenieren, um es wenigstens als Fiktion gestalten zu können. Karen (Brigitte Hobmeier) ist eine schwache Persönlichkeit, die von ihrem Freund Ben (Daniel Lommatzsch) erbarmungslos ausgenutzt wird. Doch für einen Ausbruch aus den Fesseln fehlt ihr nicht nur der Mut, sondern auch die Alternative. Die spielt ihr der Zufall in die Hände: Karen wird mit Fanny verwechselt, die sich für einen Job als Reisekauffrau in der Dominikanischen Republik beworben hat. Doch die Verwechslung fliegt auf – bis Karen auf die Idee verfällt sich als Personalleiterin der Reisefirma auszugeben und Fanny so nicht nur hinters Licht zu führen, sondern am Ende umzubringen, um die Fiktion der angenommenen Identität aufrechterhalten zu können.

Fressen und Gefressenwerden – Mareike Alscher, Brigitte Hobmeier

An Alexander Kluges Kategorie des “Eigensinns” erinnert die Figurenführung in Sören Voigts Film, der in den einzelnen Szenen der Improvisation der Darsteller viel Raum lässt und damit eine quasi-dokumentarische Atmosphäre schafft. Die Protagonistin Karen wird zur Mörderin, aber das geschieht gleichsam als logische Folge einer Verkettung von Umständen, die nicht tragisch, sondern geradezu notwendig erscheint. Die Täterin ist zugleich Opfer, indem es ihr unmöglich ist eine eigenständige Identität zu gewinnen, ohne sich eine bereits bestehende parasitär anzueignen. Sie entwickelt Eigensinn, eine Strategie des Überlebens in einer Art “Nahrungskette” von Identitäten. Ben saugt Karen aus, Karen stiehlt Fanny die Identität, indem sie ihre alte Trägerin aus der Welt schafft. Geradezu darwinistisch stellt Voigt diesen Reigen von Fressen und Gefressenwerden von Identitäten dar: Identität tötet, zumindest beutet sie aus.

Die dokumentarische Szenenführung wirkt dabei beklemmend, weil sie die Krimihandlung ins völlig Unsensationelle zurückdrängt. Hier wird beobachtet, festgestellt und nicht bewertet. Am Ende steht der “perfekte Mord” in einer Gesellschaft, in der Identitäten eine Handelssache sind, die es im Kaufhaus nach Maß und von der Stange gibt. Ein ungemein politischer Film und dennoch ein unaufdringlich leiser Zwischenruf in der identitätsverschlingenden Zurichtungsmaschinerie zu Zeiten der so genannten Globalisierung. (jm)