Die leise Angst beim Erwachsenwerden

Io non ho paura (Ich habe keine Angst) (Gabriele Salvatores, It/Sp/GB 2002)

Bis zum Horizont reichen die Kornfelder. Die Landschaftstotalen sind so sengend wie der Sommer in einem armen süditalienischen Dorf. Schwer lastet die Hitze – und der symbolische Bezug. Mähdrescher werden zu Sensenmännern, Tiere humpeln wie Fabelwesen durchs Bild, eine Kröte, ein Igel, eine Spinne, zombiehaft vergrößert in außergewöhnlichen Kameraeinstellungen. Die kindliche Welt ist voller Geister und selbst biblische Geschichten haben einen Gruseleffekt. Jedenfalls für Regisseur Gabriele Salvatores, wie er in der Pressekonferenz zu seinem Film gesteht.

Ob das Kind Filippo (Mattia di Pierro), das Michele (Giuseppe Christiano) beim Spielen in einem Erdloch entdeckt, ein gruseliger Geist aus seinen Comicheften ist oder real, bewegt den kleinen Jungen. Denn Filippo ist verstört, kann kaum sprechen und wenn, dann sagt er so seltsame Dinge wie “Ich bin tot.” Dennoch, auch Geister brauchen Nahrung und so versorgt Michele den “Kobold” mit Brot und Wein. Doch immer gewisser drängt sich in die kindliche Fantasiewelt die Gewissheit, das Filippo Opfer eines Verbrechens ist. Micheles Vater und zwei zwielichtige Freunde haben Filippo gekidnappt und überlegen nun ihn umzubringen. Michele fühlt sich hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zu Familie und Traditionen und der Freundschaft zu Filippo. Er muss sich entscheiden und in der realen Erwachsenenwelt Initiative ergreifen, um seinen Freund zu retten.

Beeindruckende Kinderdarsteller – Mattia di Pierro, Giuseppe Christiano

Salvatores erzählt diesen Krimi konsequent aus der Perspektive der Kinder, hält die ruhig strömenden Bilder offen für deren Träumereien und erschrockene Alpträume, verwebt diese mit biblischen Bezügen wie der Lazarus-Geschichte. Es wird nicht viel gesprochen. Die Kinder verständigen sich durch Blicke und Berührungen. Die Ängste bleiben leise und können sich so in den Kamerablicken entfalten, mit denen sie schließlich auch besiegt werden. Wie zwei Engel mit ausgestreckten Michelangelo-Fingern streben Filippo und Michele am rettenden Ende aufeinander zu, in Zeitlupe. In Gegenlicht gehüllt ist das ein Bild der Erlösung, die die Kinder selbst geschaffen haben, indem sie erwachsener wurden als die Erwachsenen es sind. Ein ästhetischer, ruhiger Film, der durch seine Bilder spricht. Schade, dass er es wohl nicht in die Mainstreamkinos schaffen wird. (Gudrun Lübker-Suhre)