Am Ende fängt das Leben an

My Life Without Me (Isabel Coixet, Sp./Kan. 2002)

Manchmal bedarf es des Todes, um mit dem Leben zu beginnen. Ann (Sarah Polley) ist 23 und ihr Alltag wird vom Hausfrauendasein mit Mann und zwei Kindern und ihrer Arbeit bestimmt. Nichts Besonderes, keine Überraschungen, Gleichmaß – bis sie erfährt, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch zwei Monate hat. Erst jetzt wird ihr bewusst, “dass das Leben ein Traum war, aus dem du gerade aufwachst”, und sie beschließt in der ihr bleibenden Zeit versäumte Wünsche und Träume auszuleben. Auf einer Liste notiert sie diese, wobei das Wissen um den nahen Tod ihren Blick auf das Leben und seine Möglichkeiten erweitert. Der ersehnte Liebhaber stellt sich ein, um den sich Ann so liebevoll kümmert wie um ihre Töchter, denen sie Tonbandkassetten mit Geburtstagsgrüßen für die nächsten zehn Jahre bespricht. Ann, vorher ein spurloses Nichts im Heer der kleinen Leute, hinterlässt plötzlich Spuren, macht ihr Leben unauslöschlich, obwohl es schon bald enden wird.

Zauberhaft innige Züge – Sarah Polley

Isabel Coixet erzählt diesen Entwicklungsprozess, der auch eine Art Erwachsenwerden darstellt, unaufdringlich, ohne jedes Pathos und mit einer quasi-dokumentarischen Kamera. Anns Innenwelt fängt sie über lange Blicke in ihr Gesicht ein, dem Sarah Polley zauberhaft innige Züge gibt. Wo Anns neues Leben sich zunächst als Gegenwelt zu ihrem bisherigen Alltag etabliert, findet Coixet Bilder von feinem Humor: Etwa wenn Ann im Supermarkt darüber nachsinnt, dass hier zwar jeder auf die Inhaltsstoffe der Nahrungsmittel achtet, aber dennoch niemand an den Tod denkt – dazu sieht man die Kunden ein stummes Ballett tanzen.

Besonders hoch ist dem Film anzurechnen, dass er der Versuchung widersteht, Mitleid für die Protagonistin zu wecken. Nichts Tragisches haftet hier dem Tod an. Er stellt sich noch nicht einmal als Aufgabe, sondern bloß als Faktum. Und ebenso wenig “stürzt” sich Ann in ihr neues Leben, es ergibt sich, weil sich ihre Perspektive ändert. Man könnte das als eine fatalistische Haltung des Films beschreiben – oder aber einfach als einen Realismus, der seine Hoffnung daraus bezieht, dass das Leben ein sich selbst regulierender Prozess ist, dass es seine Bahn selbst findet, wenn man es nur zulässt. (Gudrun Lübker-Suhre)