Landschaft des Lächelns

Anni Weiss’ Video-Installation “Feature Me”

Das Lächeln der “Mona Lisa” bewegt seit jeher die Kunsthistoriker und Exegeten. Was könnte es bedeuten? Warum lächelt sie so in sich gekehrt und entrückt? Anni Weiss, frisch gebackene Diplomantin im Fach Freie Kunst an der Kieler Muthesius-Hochschule, stellt diese Frage in ihrer Examensarbeit, der Video-Installation “Feature Me”, erneut, doch auf eine ganz eigene Weise.

Drei alte Frauen hat sie gebeten, während des Drehs ihrer Gesichter in Nahaufnahme an ein schönes Ereignis in der Vergangenheit zu denken. Nicht jenes Ereignis, auch nicht die Lebensgeschichte der drei Frauen interessiert Weiss, sondern das Echo des verschwiegenen und introvertierten Lächelns, das diese Erinnerungen auf den Gesichtern der Frauen evozieren.

Keine Porträts also zeigt Weiss’ Video-Loop, in dem sich das Lächeln der drei Frauen “wellenförmig” mal in Synchronität, meist aber “ungleichzeitig” abbildet. Der Augenblick steht auf der Leinwand, und der nährt sich aus Vergangenem, das versunken bleibt, dem kein forschend-dokumentarischer Blick das Geheimnis des “Einst” entreißen, sondern es ihm lassen will.

“Die kleinste mögliche Reihe” sei die Triptychon-Trinität der Gesichter, sagt Anni Weiss über ihre Arbeit, die bei aller Individualität der gefilmten Konterfeis doch zum Allgemeinen tendiert, Erinnerung als ein allgemein gültiges Phänomen des menschlichen Seins in den dreifachen Kamerakader rückt. “Keine Geschichte” wolle sie erzählen, sagt Weiss, sondern den Augenblick des Jetzt in seiner engen Beziehung zum längst Vergangenen einfangen. Auch kein “junges Lächeln” kam für sie als Abzubildendes in Betracht. Vielmehr ging es ihr um einen Erfahrungsbereich zeitlich “lange vor dem eigenen”, den sie bewusst und mit Behutsamkeit im Dunkel zwischen den Bildern lässt.

Wer “featuret” hier wen? Das Lächeln alter Erinnerungen und von Anni Weiss (Fotos: jm)

Bruce Naumans 1992 auf der documenta 9 gezeigter Video-Installation “Feed Me …” steht Weiss’ Werk nicht nur von der Ähnlichkeit des Titels her nahe, ohne dass dieses beabsichtigt wäre. Wie bei Nauman wird nur scheinbar eine Geschichte erzählt, die auf den Moment der von Lebenserfahrungsfalten durchzogenen Landschaft des Lächelns zusammenschnurrt. Und wie bei Nauman bleibt mit Absicht unklar, wer hier wen “füttert” oder “featuret”, also “macht”: Die Künstlerin ihre Figuren oder nicht vielmehr umgekehrt die Figuren die Künstlerin? Weiss’ vorherige Video-Arbeiten lassen letzteres vermuten, lassen das erinnernde Lächeln der drei alten Frauen beinahe wie ein “mona-lisanes” Lächeln der Künstlerin erscheinen, vorweggenommen einer (Lebens-) Geschichte, die sie noch erleben will. (jm)