43. Nordische Filmtage in Lübeck – ein Rückblick

Beobachtungen aus dem Programm: Spiel- und Dokumentarfilme

Zur Eröffnung der Filmtage wurde nicht wie sonst üblich ein Spielfilm gezeigt, sondern ein abendfüllender Dokumentarfilm. “Heftig und begeistert” kann man sicherlich nicht seine populären spielfilmhaften Qualitäten absprechen. Über diese inszenatorischen Momente hinaus setzt der Film aber auf sein Genre, auf dokumentarisches Erzählen und Beobachten. Thema ist das Leben eines norwegischen Männerchors und seiner 30 Mitglieder in einer von extremem Naturwirken geprägten Welt an den Ufern der Barentsee am Rande des Polarkreises.

“Heftig und begeistert”

Mit Erstaunen, Schmunzeln und offenem Lachen folgt man den pointierten, bisweilen witzig-anekdotenhaften Selbstdarstellungen der Männer. Der soziale Zusammenhalt der Generationen im Alter zwischen 35 und 95 Jahren prägt den Chor. Ein Motiv wird vom Film leicht überstrapaziert, obwohl es gefällt: Immer wieder stellt Regisseur Knut Erik Jensen den Chor draußen in stürmischer Umgebung auf und lässt ihn von den Schönheiten seiner Heimat singen. Ob an wild-bewegter arktischer See oder beim heftigen Schneesturm, der Chor bleibt unbeirrt tapfer und unermüdlich sangesfreudig, selbst wenn seinen Mitgliedern die Augenbrauen zueisen und kleine Eiszapfen aus den Nasenlöchern wachsen.

Gewohnt gute dokumentarische Klasse lieferte der Schwede Stefan Jarl, ein alter Stammgast in Lübeck, ab. Neben seiner Dokumentation über seinen Lehrmeister, den schwedischen Dokumentarfilmer Arne Sucksdorf mit dem bezeichnenden Titel “Schönheit wird die Welt retten” wusste noch ein zweiter Film beeindruckend zu unterhalten. “Der Landgasthof” zeigt uns das Leben eines traditionsreichen Landgasthauses in der Nähe von Lidköping am Vänarsee im Spiegel der Jahreszeiten eines Jahres.

“Der Landgasthof”

Besitzer und Koch Stefan Johansson betreibt sein Lokal mit Muße und Leidenschaft. Und Jarl versteht es auf wunderbare Weise, Alltag und Höhepunkte in der Arbeit des Landgasthofes mit dem ihm eigenen Zauber einzufangen. Gelassen und locker unterbrechen immer wieder in die Kamera hineingesproche Erzählungen des Koches das Geschehen. Und poetische schöne Naturbilder liefern einen atmosphärischen Rahmen voller Poesie.

Einer der Höhepunkte im Hauptprogramm war Jan Troells neuer Film “So weiß wie im Schnee”. Mit schönen Bilder in episch breit angelegten Rückblenden wird das Leben von Elsa Andersson ausgebreitet, Schwedens erster Pilotin.

“So weiß wie im Schnee”

Schon als kleines Mädchen erweist sie sich nach dem Tod ihrer Mutter als draufgängerische Rebellin, die ihren eigenen Willen durchzusetzen vermag. Auch später setzt sie ihre Träume durch, wird als erste Frau in eine Fliegerschule aufgenommen, verliert aber ihre große Liebe, einen Pilotenkollegen, durch einen Flugzeugabsturz. Nach dem ersten Weltkrieg kommt Anderson als angehende Fallschirmspringerin in ein Berlin, das allerorten hektisch zu signalisieren scheint, dass der Friede nur eine Episode bleiben wird. Beunruhigend kontrastiert das aggressive Berliner Nachtleben mit der Ruhe und Einfachheit in Schweden. Wieder zurück in Schweden erscheint der Tod der Protagonistin am Ende als logische Konsequenz für eine bemerkenswerte Frau, die ihr Leben lang versucht hat, ihre Träume zu leben und dafür vieles wagte. Die Geschichte vermag zu fesseln, kommt klassisch skandinavisch daher, mit vielen Naturbildern, in ruhigem Tempo erzählt, mit leise traurigen Untertönen. Dem 70jährigen Troell, der in Lübeck anwesend war, war auch die Retrospektive mit insgesamt 17 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen gewidmet.

Ihm war die Retrospektive gewidmet: Jan Troell

Zum besonderen Ereignis wurde die Preview der dreiteiligen Fernseh-Dokumentation “Unterwegs zur Familie Mann”. Regisseur Heinrich Breloer entwirft in dreimal 90 Minuten mit Hilfe von vielen Interviews, historischen Aufnahmen und kurzen Ausschnitten aus seiner kurz vor Weihnachten in der ARD zur Ausstrahlung kommenden spielfilmartigen Mini-TV-Serie “Die Manns” ein eindrucksvolles Porträt dieser berühmten Familie. Dabei stehen künstlerische und gesellschaftliche Bedeutung von Thomas Mann, seines Bruders und seiner Kinder oft genug in einem seltsamen, wenn auch z.T. durchaus bedingenden Gegensatz zu ihrem mit tragischen Zügen behafteten Privatleben.

Last but not least soll die dänische Dogma-Komödie “Italienisch für Anfänger” von Lone Scherfig Erwähnung finden — sie lief als Abschlussfilm nach der Preisverleihung. Ein äußerst amüsant gemachter Spaß, der trotz seines großen Erfolges bei Presse, Jury und Publikum auf der letzten Berlinale bedauerlicher Weise immer noch nicht seinen Weg in die deutschen Kinos gefunden hat. Dass auch die Lübecker Festival-Besucher von diesem Film begeistert waren nimmt nicht Wunder, lässt uns doch der verschmitzt drollige Humor rund um einen merkwürdigen Italienisch-Kurs in einer kleinstädtischen Volkshochschule erfahren, dass Liebe immer ihre Wege findet, und seien sie noch so merkwürdig. (Helmut Schulzeck)